Fc gießen schreibt nach horrorstart die nächste kapitel – regionalliga rückt ins blickfeld

Vier Siege, null Niederlagen, Platz drei: Der FC Gießen hat den Saison-Flop abgeschüttelt und sprintet mit Rückenwind Richtung Spitze. Nach fünf Spielen noch abgeschrieben, steht das Team von Trainer Michael Fink jetzt kurz vor dem Anschluss an das Aufstiegsrennen – und niemand im Lager schließt eine Relegation mehr aus.

Neuzugänge und alte seele: so funktioniert die wende

Die Wahrheit liegt zwischen den Zeilen der Tabelle. Wer die ersten Wochen sah, erlebte eine Mannschaft ohne Automatismen, ohne Zugriff, ohne Selbstverständnis. Die Abgänge von fünf Leistungsträgern rissen Löcher, die nicht mit Standardlösungen zu kitten waren. Michèl Magel musste improvisieren, Fink musst umstellen, Tolga Duran musste reden – viel.

Dann kam der Knoten. Lian Akkus Rodriguez kehrte zurück und schoss den Siegtreffer in Walldorf. Constantin Pauly rückte von CS Fola Esch in die Innenverteidigung und strahlte sofort Ruhe aus. Felix Klingelhöfer klärte in Hannau gelernte Unbekümmertheit mit, Nasir Zaatan brachte Darmstädter U-23-Frische. „Wir haben nicht einfach Spieler geholt, sondern Profile“, sagt Magel. Die Chemie stimmt, weil die Rollen klar sind.

Duran ist das Bindeglied, das die Epochen verbindet. 30 Jahre, einziger verbliebener Regionalliga-Akteur, Kapitän, Sprachrohr, mit sieben Toren auch zweitbester Schütze hinter Mirco Geisler. „Ich spreche vor, ich spreche nach, ich spreche in der Kabine“, sagt er und lacht. „Die Jungs wissen, dass sie mich anhauen können.“ Seine Zahlen sprechen ebenfalls: 87 % Passquote, 2,1 Torschuss-Vorlagen pro 90 Minuten, 29 Ballgewinne im letzten Drittel – Spitzenwerte in der Liga.

Der blick nach oben: realistisch, aber gierig

Der blick nach oben: realistisch, aber gierig

20 Punkte Rückstand auf Frankfurt II, neun auf Eddersheim, nur noch elf Partien. Fink redet sich nicht in Hoffnungsblase. „Es müsste alles glatt laufen, um Rang zwei noch zu erreichen.“ Aber: Er sagt es mit einem Lächeln. Die Art von Lächeln, das Trainer haben, wenn sie wissen, dass ihre Mannschaft gerade erst angefangen hat, die eigene Leistungsgrenze neu zu vermessen.

Die Lizenz für die Regionalliga? Kein Thema, das man laut ausspricht – und doch hängt sie wie ein verstecktes Motivationsposter über jedem Training. „Der Verein wird alles bereitstellen, wenn sich das Team die Qualifikation erarbeitet“, so Magel. Die Botschaft an die Kabine: Nichts schenken, alles holen. Kassel am Sonntag ist der nächste Schritt, nicht das Ziel. Die Serie soll weiterleben, der Moment bleibt auf ihrer Seite.

Die Fans spüren es, die Gegner auch. Gießen ist wieder da – und diesmal wirkt es nachhaltiger. Wer nach dem 0:4-Debakel in Baunatal noch die Segel streichen wollte, sieht jetzt eine Mannschaft, die mit jedem Sieg ein bisschen mehr an Selbstverständnis gewinnt. Die Relegation ist kein Wunsch, sondern ein mögliches Szenario. Und Szenarien kann man sich erarbeiten. Die nächsten elf Spiele werden zeigen, wie weit der Traum trägt. Fest steht: Wer jetzt noch aufsteigt, muss an Gießen vorbei – und das ist neu.