Ex-profi powell brach 1981 alle kontakte ab – jetzt rächt sich das schweigen
35 Jahre lang war Tony Powell nur der verbitterte Motel-Manager am Holloway in West Hollywood. Dass er einst 219 Mal für Bournemouth und 237 Mal für Norwich City auflief, wusste dort keiner. Dass er 1979 zum Spieler des Jahres in der First Division gewählt wurde, war in seinem neuen Leben ein Makel. Er hatte den Fußball wegen seiner Sexualität verstoßen – und sich selbst mitverstoßen.
Ein dokumentar gewinnt das spiel nach verlängerung
Ramiel Petros und Nick Freeman wollten nur einen Kurzfilm über das Motel drehen, das die queere Szene rund um Santa Monica Boulevard beherbergte. Stattdessen fanden sie einen 78-Jährigen, der ihnen nach einigen Bieren gestand: „Ich war Profi in England. Und schwul. Und ich habe alles abgebrochen.“ Die Aussage war der Startschuss für „The Last Guest at the Holloway Motel“, der seit dieser Woche auf Festivalkreuzfahrten in Großbritannien für stehende Ovationen sorgt.
Powell erzählt darin, wie er 1981 nach Tampa Bay und später nach Los Angeles floh, weil er im englischen Profifußball keinen Millimeter Freiraum sah. „Du kannst Spieler sein oder schwul – beides ging damals nicht“, sagt er in einem der raren Interviews. „Heute? Ich würde es auch heute nicht versuchen. Die Premier League ist immer noch eine Männergruppe, die ‚gay‘ mit ‚schwach‘ gleichsetzt.“
Die Zahlen sprechen mit ihm: Erst 1990 wagte Justin Fashanu das Outing, beging acht Jahre später Suizid. Erst 2013 folgte Robbie Rogers – und musisch sofort in die USA auswandern, um überhaupt weiterzukicken. Powell ist der Missing Link dazwischen, der laut Rogers „die Wunde offen hielt, damit wir später ein Pflaster finden konnten“.

Die familie erfuhr vom film, nicht vom leben
Das bitterste Detail: Seine Töchter und seine Schwestern wussten bis zur Preview des Dokuments nicht, warum ihr Vater und Bruder 1981 plötzlich aufhörte zu telefonieren. „Ich dachte, er sei einfach eingekocht in Amerika“, sagt Tochter Claire im Film. „Dass er uns vor sich selbst beschützt hat, macht die Lücke größer und kleiner zugleich.“
Powell selbst sitzt heute wieder in Bournemouth, wo ihn die Ultra-Gruppe „The Cherries‘ Pride“ bei Heimspielen auf die Tribüne lotst. Die Vereinsverantwortlichen haben angekündigt, eine Sektion des Stadions in Rainbow-Colours zu taufen – ein PR-Gag, findet Powell. „Solange keine aktive Spielerfigur ‚out‘ ist, ist das alles Dekoration.“
Seine Prognose ist gnadenlos: „Ich werde nicht mehr erleben, dass ein Premier-League-Profi ‚Ich bin schwul‘ sagt und am Wochenende weiterspielt. Die Kabine friert ein, die Agenten warnen, die Sponsoren ziehen sich zurück. Die Quote ist zu groß, der Druck zu real.“
„The Last Guest“ endet mit einem Seitenhieb: Powell steht vor dem leer stehenden Motel, dessen Neonzeichen „Vacancy“ flackert. Die Kamera zoomt auf das Schild, dann auf sein Gesicht. „No vacancy for honesty“, sagt er. „Aber vielleicht für ein paar Zuschauer, die künftig pfeifen statt spucken.“ Der Satz ist keine Botschaft, er ist eine Kampfansage – und gleichzeitig die traurigste Bilanz des Films: Selbst nach 42 Jahren hat sich im Profifußball weniger verändert, als Powell sich selbst.
