Estupinan schießt milan zum derby-dreifach: jetzt liegt der meister-traum wieder in reichweite

Ein Schuss, ein Knall, ein Kippmoment. Pervis Estupinan jagte die Kugel in der 78. Minute ins linke Dreieck, San Siro explodierte, und mit einem Mal ist die Serie A wieder offen. Milan schlägt Inter 1:0, holt den zweiten Derby-Sieg in dieser Saison und verkürzt den Rückstand auf sieben Punkte – bei noch zehn Spielen.

Der befreiungstreffer kommt zur perfekten zeit

Die Rossoneri lieferten vor 75.000 in der Scala des Fußballs eine Musterleistung ab: kompakt in der Defensive, aggressiv im Pressing, mutig in der Ballmitnahme. Estupinan, sonst links außen verortet, rückte nach einer Drehung ins Zentrum, nahm den Querpass von Leão mit und zog ab – keine Chance für Sommer. Die Aktion war nicht nur schön anzusehen, sie war strategisch durchdekliniert. Paulo Fonseca hatte seinen Außenverteidiger in der vergangenen Woche in Trainingseinheiten genau dafür geschult, die halboffene Lücke vor dem Strafraum zu besetzen.

Inter wirkte danach wie entzaubert. Die Nerazzurri produzierten zwar 62 Prozent Ballbesitz, doch nur zwei Torschüsse aus zentraler Position. Der sonst so präzise Passspielapparat um Calhanoglu und Barella lief sich in der dicht gestaffelten Milan-Box die Zähne aus. In der Tabelle bleibt Inter zwar Erster, doch die Aura der Unbesiegbarkeit ist längst abhandengekommen.

Die wettmärkte glauben noch nicht an die rossoneri

Die wettmärkte glauben noch nicht an die rossoneri

Die Buchmacher reagierten postwendend, zogen aber nicht das Notbremsen. Inter bleibt Topfavorit auf die Scudetto, Quote 1,08. Milan wird für eine Titelwette bei 7,60 bis 10,00 bezahlt – ein klares Signal: Die Analysten halten den Rückstand auch bei 30 noch möglichen Punkten für zu groß. Die Zahlen liegen, die Erfahrung spricht dagegen. 2010/11 holte Milan ebenfalls beide Derbys, lag später sogar einmal acht Punkte zurück und wurde dennoch Meister.

Die kommenden Wochen liefern die Antwort. Milan muss nach der Länderspielpause nach Verona, empfängt dann Napoli und reist nach Florenz – ein Programm, das weh tut, aber machbar ist. Inter spielt parallel gegen Cagliari, Bologna und Monza, ein scheinbar leichter Pfad, der aber trügt. Die Nerazzurri haben in den letzten fünf Partien nur sieben Punkte geholt, die Torsicherheit ist weg.

Was bleibt, ist ein Gefühl. Die Kurve von Curva Sud sang bis 23:14 Uhr, die Spieler ließen sich feiern, als hätten sie bereits einen Pokal geholt. Stefano Pioli beglückwünschte Fonseca mit einem kurzen Satz: „Jetzt habt ihr den Glauben zurück.“ Es klang wie eine Weitergabe der Fackel. Und vielleicht ist genau das der größte Gewinn dieses Abends: Milan glaubt wieder an sich selbst, und im Fußball reicht das manchmal, um ganze Saisons umzuschreiben.