Emma aicher jagt shiffrin und die kristallkugel – 140 punkte, ein traum und ein zipfel skandinavischen schnees

28 Punkte fehlen in der Abfahrt, 140 im Gesamtweltcup – und Emma Aicherfliegt nach Kvitfjell wie eine Rakete, die erst noch zündet. Dort, wo sie vor zwölf Monaten ihren ersten Sieg feierte, soll nun alles zusammenkommen: Heimatflair, Skandinavien-Schnee und die große Kristallkugel.

Nach Are schickt die 22-Jährige nicht nur Mikaela Shiffrin in Schockstarre, sondern auch die Statistiker. Zweiter Platz im Slalom, Rang vier im Riesenslalom – Disziplinen, in denen sie eigentlich nur „nebenbei“ startet. Was war der Schlüssel? Ein Telefonat mit Viktoria Rebensburg, Olympiasiegerin und Eurosport-Expertin, liefert Antworten – und eine Prognose, die klingt wie ein Fanfunken.

„Das finale findet in emmas wohnzimmer statt“

Rebensburg kennt Kvitfjell wie ihre eigene Skispur. „Dort oben fühlt sich Emma pudelwohl. Sie ist auf Schnee dieser Konsistenz groß geworden, hat Freunde und Familie vor Ort, und die Piste liegt ihr wie maßgeschneidert.“ Die Mentalität der Norddeutschen – Aicher wurde in Sundsvall geboren – wirke wie ein Turbo. „Wenn die Tribüne skandinavisch grölt, schaltet sie einen Gang höher. Das ist kein Zufall, das ist Heimvorteil pur.“

Die Italienerin Laura Pirovano mag in der Abfahrtswertung noch vorne liegen, aber ihre PS-Zahl sinkt. Aichers hingen steigt. „28 Punkte klingen nach viel, sind es aber nicht. Ein Sieg bringt 100, ein zweiter 80. Theoretisch reicht ihr am Samstag schon Platz zwei, wenn Pirovano außerhalb der Top-15 landet. Und das Schild ‚Druck‘ kennen unsere Mädels nicht“, schmunzelt Rebensburg.

Shiffrins achillesferse heißt super-g

Shiffrins achillesferse heißt super-g

Beim Gesamtweltcup sieht die Mathematik härter aus – 140 Punkte Rückstand auf Shiffrin. Doch die US-Superstar hat ein Problem: Sie will die Abfahrt sausen lassen und im Super-G nur halb gas geben. „Dort ist sie nicht unschlagbar“, analysiert Rebensburg. „Ihre letzten Super-Gs liefen durchwachsen. Wenn Emma dort zwei, drei Mal vor Mikaela landet und im Slalom nicht weit weg bleibt, schmilzt der Vorsprung wie Schnee im April.“

Und dann ist da noch die Unberechenbarkeit des Sports. Eine verrutschte Kante, ein Aufsteher, ein verfrühtes Aus. „Emma hat nichts zu verlieren und alles zu gewinnen. Genau diese Leichtigkeit macht sie gefährlich“, so Rebensburg.

Der plan: angriff von start nummer eins

Der plan: angriff von start nummer eins

Im DSV-Lager herrscht Kriegsklima – auf freundliche Art. Aicher trainiert mit Startnummer eins, um Druck zu simulieren. „Wir wollen, dass sie die Spur fräst“, sagt Speed-Coach Christian Scherer. Die Wachs-Crew hat bereits 15 Varianten getestet, die Kanten sind auf 0,8 Grad runtergeschiffen. „Wir haben nichts dem Zufall überlassen“, sagt Scherer und grinst wie ein Lotteriegewinner.

Für Rebensburg steht fest: „Wenn Emma am Sonntagabmutet die Kristallkugel in die Höhe stemmt, wäre es der größte deutsche Coup seit Maria Höfl-Riesch 2011.“ Und die Story hätte einen perfekten Schauplatz: Kvitfjell, 500 Meter über dem Meer, wo die Nordlichter tanzen und ein junger Deutscher Traum Realität werden könnte.

140 Punkte, vier Rennen, ein Leben. Die Uhr tickt. Der Schnee liegt. Und Emma Aicher fährt nicht mehr nur gegen Shiffrin – sie fährt in die Geschichtsbücher.