Elfmeter-chaos in mainz: ein bundesliga-moment, der die fußballwelt spaltete
Ein Montagabend im April 2018. Ein Trillerpfeifen-Protest. Und dann: Spieler, die aus der Kabine zurückgerufen werden, um einen Elfmeter auszuführen. Die Bundesliga feierte ihr 55-jähriges Bestehen, und erlebte eine Szene, die selbst erfahrene Fußballfans sprachlos machte – ein Moment, der bis heute die Debatte um den Video Assistant Referee (VAR) befeuert.
Ein fußballspiel, das zur farce wurde
Die Saison 2017/18 war geprägt von einer zunehmenden Unzufriedenheit unter den Fans. Die Bayern München dominierten die Liga mit einem komfortablen Vorsprung, die Spiele wurden oft erst am späten Montagabend ausgetragen, und Entscheidungen wurden von ungesehenen Instanzen in Köln beeinflusst. Der VAR, testweise eingeführt, war bei den Anhängern in Ungnade gefallen. Jede Woche sorgte seine Anwendung für hitzige Diskussionen: Brachte er wirklich mehr Gerechtigkeit? War der Preis – unterdrückter Torjubel und langwierige Abseitsentscheidungen – nicht zu hoch?
Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic sprach Klartext: „Das ist nicht mehr mein Fußball.“ Doch das Schlimmste sollte noch kommen, und das in Mainz, beim Heimspiel gegen den SC Freiburg.

Montag? „ein scheißtag zum fußballspielen“
Der Stadionsprecher hatte den Montag bereits als „ein Scheißtag zum Fußballspielen“ abgetan. Trotzdem hatten sich 26.407 Zuschauer auf den Weg ins Stadion gemacht, um gegen das neue Übel des Fußballs zu protestieren – mit Trillerpfeifen und dem Verzicht auf den üblichen Support. Der VAR, obwohl er in jener Partie mehr Argumente gegen seine Existenz lieferte, blieb bestehen.
Die Partie verlief bis zur Halbzeitpause ereignislos. Schiedsrichter Guido Winkmann pfiff die erste Hälfte ab, ohne auf einen Handspielvorfall von Freiburgs Marc-Oliver Kempf im Strafraum zu reagieren. Die Spieler suchten die Kabine, die Zuschauer die Bratwurstbude. Nur eine Person machte keine Pause: Bibiana Steinhaus, die VAR an diesem Tag. Sie erkannte das Handspiel eindeutig und informierte Winkmann umgehend.
Hier begann das kuriose Drama. Laut VAR-Regel 8.13 muss der Schiedsrichter noch auf dem Platz sein, um auf einen VAR-Hinweis zu reagieren. Winkmann hatte den Platz jedoch bereits verlassen. Hinterher hieß es, die Trillerpfeifen hätten ihn daran gehindert, Steinhaus’ Anweisung sofort zu hören. So ging er verspätet an den Bildschirm in der Review-Area.

Sammer entsetzt: „habe ich noch nicht erlebt“
Die Freiburger Spieler dachten kurz über einen Protest nach – eine Idee, die sie schnell wieder fallen ließen. Eurosport-Experte Matthias Sammer war fassungslos: „Das habe ich so auch noch nicht erlebt. Im Regelwerk ist es auch diskutabel. Ich sehe nicht die Notwendigkeit des Eingreifens.“
Winkmann erklärte später in den Katakomben: „Ich habe den Freiburgern, von denen noch drei oder vier auf dem Platz waren, mitgeteilt, dass sie bitte warten sollen, weil gleich ein Check kommt.“ Doch die Spieler wollten ihre Pausenpause nicht unterbrechen. „Wir gehen nicht wieder raus“, lauteten die Rufe.
Nach sieben Minuten der Verwirrung waren alle wieder auf dem Platz. „Wir dachten, wenn zur Halbzeit gepfiffen wird, ist ein Haken dran“, wunderte sich SCF-Sportchef Jochen Saier. Bei der Ausführung des Elfmeters, den Pablo de Blasis schließlich verwandelte, durften nur Torwart Alexander Schwolow und acht weitere Freiburger Spieler auf dem Feld stehen – eine groteske Szene, die in die Annalen des deutschen Fußballs einging.
Hunderte Fans an den Getränkeständen verpassten das Tor, wurden aber durch die plötzlich einsetzende Tormusik überrascht. Mainz 05 gewann die Partie am Ende mit 2:1, doch das Spiel wird bis heute vor allem für den Elfmeter-Zirkus in Erinnerung bleiben. Ein Transparent beim nächsten FSV-Heimspiel warnte: „Bitte bleiben Sie in der Halbzeit auf ihren Plätzen. Sie könnten ein Tor verpassen.“
Der 16. April 2018 ist seither ein Mahnmal dafür, wie fragil die Balance zwischen Regelwerk und Spielfluss sein kann – und wie eine eigentlich gut gemeinte Technologie den Fußball in eine groteske Farce verwandeln kann.
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