Eishockey verkommt zur schau: schwalben-flut lässt dünner und wohlwend platzen
Ein Schlag auf die Hand, ein Ruck – und schon liegt der Gegner wie lebensmüde auf dem Eis. SCRJ-Kapitän Nico Dünner hat die Schnauze voll: 21 Strafen wegen Simulation in dieser Saison, fünf allein am letzten Montag, neue Rekordbeträge von 2000 Franken pro Schwalbe. Die Playoff-Serie gegen Fribourg-Gottéron droht zur Farce zu verkommen.
Dünner nach 2:6-klatsche: „wir müssen uns selbst an der nase packen“
Der 31-jährige Luzerner spricht mit zitternder Stimme, das Kinn noch blutunterlaufen nach dem Comeback von seiner Handverletzung. „Ich appelliere an alle Spieler: keine Schwalben im Eishockey!“ Die Liga habe „viele Eins-gegen-eins-Battles“ zu verzeichnen, doch das sei keine Lizenz für Theatralik. „Jeder wird mal hart getroffen, aber dann bleibt man stehen oder steht wieder auf.“ Stattdessen fliegen Körper nach jedem Stocktupfer wie von Kanonenkugel getroffen.
Die Zahlen sind gnadenlos. Mike Künzle und Filip Zadina zahlen inzwischen doppelt, weil sie Wiederholungstäter sind. Victor Rask, Lawrence Pilut und Tanner Fritz mussten je 2000 Franken berappen – für ein Stolpern, das im Stadionvideo kaum sichtbar ist. Die Grenze zwischen echt und gespielt verschwimmt, die Schiedsrichter stehen unter Dauerfeuer.

Wohlwend zieht den vergleich zum fussball: „wir haben bald dieselben zustände“
Christian Wohlwend, Trainer des SC Olten, schlägt im MySports-Studio mit Faust auf den Tisch. „Es ist erschreckend. Sei es Swiss League oder National League – die Schwalben nehmen zu.“ Er zitiert Büne Huber, SCB-Fan und Patent-Ochsner-Frontmann, der vor neun Jahren schon die „Pussys“ am Fussfeld verhöhnte. „Jetzt sind wir selbst dran.“ Die Geldstrafen allein, so Wohlwend, sehen schön auf dem Papier, ändern aber nichts am Verhalten. „Wir brauchen Spieler, die sich schämen, wenn sie fallen, ohne dass ein Gegner sie berührt.“
Die Liga prüft intern, ob man künftig Video-Beweise nachspielen lassen will – ein Eingriff, der die ohnehin langen Spiele weiter streckt. Dünner lacht bitter: „Noch mehr Unterbrechungen? Dann brauchen wir Einlasskontrollen für Schauspieler.“
Am Donnerstag steigt Spiel fünf in Rapperswil. Die Lakers liegen mit 1:3 zurück, die Spannung ist messerscharf. Doch selbst wenn die Serie kippt, bleibt die Frage: Wer schützt das Spiel vor sich selbst? Die Antwort liegt nicht bei den Schiedsrichtern, sondern in den Köpfen derer, die sich selbst fallen lassen. Die Uhr tickt – und mit jedem Schwalben-Taumeln verliert das Eishockey ein Stück seiner Seele.
