Dresden trauert, dresden kämpft: kreische-gedenken trifft auf hertha-höllenspiel

Der Tod von Hans-Jürgen Kreische schlägt ein Loch in die Elbestadt – und genau in dieses Loch will Dynamo Dresden am Samstagabend den Ball bugsieren. Gegen Hertha BSC geht es um mehr als drei Punkte: um die Ehre eines Ehrenspielführers und um die Rettung vor dem Abstiegsgau.

Stamm befürchtet tabelle-paralyse

Thomas Stamm spricht flüsternd, fast tonlos. Der Trainer der SGD hat die Stimme ein Stück tiefer gelegt, seit er von Kreisches Tod erfuhr. „Wer jetzt ständig auf die Tabelle schaut, erstickt“, sagt er. Die Logik ist simpel: Je öfter seine Spieler nach unten blicken, desto schwerer fällt ihnen das Atmen im ausverkauften Harbig-Stadion. 31.000 Schluchzer und 31.000 Schreie werden sich mischen, wenn die Mannschaft im Trauerflor einläuft.

Die Statistik ist ein wüster Haufen: Dresden hat fünf der letzten sieben Heimspiele nicht gewonnen, kassierte dabei zwölf Gegentore nach der 75. Minute. Die Hertha kommt mit drei Auswärtssiegen im Gepäck und dem Selbstbewusstsein eines Teams, das sich gerade wieder an die Spitze heranträumt. Stefan Leitl, der Berliner Coach, nennt das Dresden-Spiel „eine mentale Großbaustelle“ – und meint damit seine eigene Mannschaft. Der Klub hat die Play-off-Hoffnung wiederbelebt, doch die Defensive wackelt wie ein Ost-Baukran, wenn die Lausitz-Druckwelle anrollt.

Leistner kehrt in die emotionale zange zurück

Leistner kehrt in die emotionale zange zurück

Toni Leistner wird zum ersten Mal seit Wochen wieder in der Startelf stehen. Der Ur-Dresdner, der als Kind auf den Gästetribünen stand und später die Kapitänsbinde trug, könnte zum tragischen Helden werden. „Ich kenne jeden Quadratmeter dieses Rasens“, sagt er. Das Problem: Auch der Rasen kennt ihn. Die Dynamos wissen, dass Leistner bei hohem Pressing zu schnellen Ballverlusten neigt – genau diese Lücke wollen sie mit dem Sprintduo Christoph Daferner und Claudio Kammerbauer ausnutzen.

Die Personalie Stefan Kutschke nagt an Stamm. Der Kapitän muss zuschauen, Gelb-rot-gesperrt. Seine Ersatz-Kapitänsbinde übernimmt wohl Michael Akoto, 22 Jahre alt, erst seit Januar Stammkraft. „Wir haben genug Leader“, beteuert Stamm, klingt aber, als würde er sich selber beruhigen wollen. In der Kabine hängt ein Schwarz-Weiß-Foto von Kreische, aufgenommen 1973, kurz nach seinem legendären Doppelpack gegen Bayern München. Die Spieler passieren es auf dem Weg zum Training – ein stummer Mahner, kein Poster.

Die choreografie des gedenkens

Die choreografie des gedenkens

Vor Anpfiff gibt es eine Gedenkminute, die Dauer ist exakt 78 Sekunden – eine für jedes Lebensjahr des Idol-Stürmers. Die Kurve wird schwarz-gelb leuchten, dazwischen ein großes „Kreische 9“. Die Berliner Fans haben ihre Choreografie freiwillig um 90 Sekunden verkürzt, ein Akt der Fairness, der selbst in der ultra-harten Ost-Derby-Kultur ungewöhnlich ist. Danach herrscht für 90 Minuten Kriegszustand.

Die Wetterlage spielt mit: 7 Grad, leichter Regen, der Ball wird schneller durchs Mittelfeld rasen. Genau das will Dresden, weil Herthas Zentrale mit Fabian Reese und Martijn Kaars nicht die Sprintstärke besitzt, um lange Bälle zu entschärfen. Stamm hat in dieser Woche 3-Meter-Pässe trainiert, einstudierte Kombinationen, bei denen der erste Ballannahme schon die Richtung vorgibt. „Wir wollen die Hertha in ihre eigene Hälfte pressen, dann haben sie keine Zeit, über Kreische nachzudenken“, sagt Co-Trainer André Kilian, der die Analyse übernahm.

Der abstieg wäre ein k.o. für die trauer

Der abstieg wäre ein k.o. für die trauer

Die Mathematik ist brutal: Bei einer Niederlage rutscht Dresden auf Relegationsplatz 16 ab. Die Fans würden die Ost-Kurve in eine Trauerwand verwandeln, die Bilder gingen um die Welt. Der Verein würde 15 Millionen Euro Mediaprämie verlieren – Geld, das für die geplante Akademie fehlt. „Wenn wir emotional ausrasten, sind wir verloren“, sagt Stamm. Also trainierten die Spieler mit Kopfhörern, um die Stadion-Geräusche zu simulieren, und ließen sich von einem Psychologen zeigen, wie man Trauer in Aggression umwandelt – ohne die rote Karte zu riskieren.

Am Ende bleibt ein Gedanke, den Stamm nicht aussprechen will: Gewinnt Dresden, springt die Mannschaft auf Platz 12, die Abstiegszone ist wieder ein Stück weg. Dann wäre Kreische nicht nur der Held der Vergangenheit, sondern auch der Schutzpatron der Zukunft. Die 78. Sekunde der Gedenkminute wird ablaufen, der Schiedsrichter wird pfeifen – und für 90 Minuten wird aus Trauer reiner Kampf werden. In Dresden weiß man: Fußball ist einfach, wenn man nur noch laufen muss.