Draisaitls schweigen ist verdammt laut: oilers bangen um ihr powerplay-monster

Kein deutsches Eishockey-Bein, keine deutsche Hüfte – nur das eine Wort: „Unterkörperverletzung“. Die Edmonton Oilers verstecken ihren besten deutschen Spieler hinter diesem Begriff, als handele es sich um ein Staatsgeheimnis. Leon Draisaitl wird für die restlichen 13 Hauptrundenspiele ausfallen, und damit rutscht die ganze Playoff-Rechnung der Oilers ins Wanken.

Die uhr tickt bis 18. april

Genau einen Monat haben die Oilers, um ohne ihren 30-jährigen Center die Postseason zu erreichen. Sechs Punkte Vorsprung auf das erste Nicht-Playoff-Raster klingen nach Puffer, doch in der Pacific Division kann sich das Blatt binnen drei Tagen wenden. Die Niederlage gegen Nashville, in der Draisaitl nach dem Check von Ozzy Wiesblatt bereits in der achten Minute humpelnd verschwand, war erst der Auftakt eines Dominoeffekts.

Was genau der NHL-Viertbeste an Punkten zugefügt bekam, verrät weiterhin niemand. Die Oilers spielen das alte „day-to-day“-Klavier, während die Gerüchteküche brodelt: Hüftgelenks-Distorsion, Knorpel-Anriss, möglicherweise sogar ein Meniskus-Grade-II-Sprung – die Liste wird länger, je länger das Schweigen anhält. Draisaitl selbst twitterte lediglich: „Ich konzentriere mich jetzt nur darauf, so schnell wie möglich zurückzukommen.“ Dieses „so schnell wie möglich“ ist kein Datum, es ist ein Wunsch.

Mcdavid muss ohne seinen dirigenten operieren

Mcdavid muss ohne seinen dirigenten operieren

Connor McDavid spielte in der Nacht gegen San Jose wieder wie ein Mann auf Probe, erledigte zwei Tore und einen Assist, doch die Zahlen lügen nicht: Ohne Draisaitl sinkt Edmontons Powerplay-Quote von 32,4 auf 22,1 Prozent. Weg ist das eine-Timer-Duo am linken Bully, weg ist die Sekunden-Taktung, mit der Draisaitl die Box der Gegner verschiebt. Die Gegner wissen das. Florida wird am Wochenende die Scheibe auf McDavid doppeln und die blaue Linie verstopfen, weil der Passweg zum deutschen Sniper fehlt.

Die physische Komponente ist nur die halbe Miete. Draisaitl ist die emotionale Zündschnur dieser Truppe. Wenn er mit erhobenem Stock an der Bande steht, schreit er Befehle, die selbst die Jumbotron-Kamera nicht erfassen. Coach Kris Knoblauch kann Systeme wechseln, aber er kann keinen zweiten 1,96-Meter-Riesen mit Handschläger-Echo ersetzen.

Die schweigepflicht wirkt wie ein bumerang

Die schweigepflicht wirkt wie ein bumerang

Die NHL mag ihre Verletzungs-Tarnkappe, doch das Schweigen schadet mehr als es schützt. Fantasie-Zahlen zu potenziellen Comebacks kursieren auf Twitter, Fantasy-Manager stürzen sich auf Ersatz-Listen, und die Oilers-Fans basteln bereits Playoff-T-Shirts mit einem Fragezeichen statt der 29. Das Klima wird unruhiger, je länger das Management an der Undurchsichtigkeit festhält.

Am 18. April startet das Stanley-Cup-Playoff. Draisaitl hat exakt 30 Tage, um seine Beinmuskulatur wieder auf 100 Prozent zu bringen, die Schusstechnik zu kalibrieren und die mentale Klinge zu schärfen. Ein Spieler, der in den letzten zehn Jahren 347 Tore für Edmonton erzielt hat, wird nicht einfach durch einen Call-up aus Bakersfield ersetzt. Die Uhr tickt – lautlos, aber unerbittlich.

Die Oilers haben die nächsten Wochen eine einfache Aufgabe: Punkten. Die kompliziertere: Ohne ihr deutsches Kraftpaket die eigene DNA nicht zu verlieren. Wenn Draisaitl zurückkommt, muss die Maschine noch stehen. Sonst wird aus dem Traum vom Cup das gleiche Déjà-vu wie jedes Jahr: ein früher Sommer in Alberta und ein deutscher Superstar, der wieder einmal länger in der Reha hockt als auf dem Eis.