Di canio startet fairplay-revolution: tausende kinder lernen resilienz im sportdorf
Am Freitag geht’s los. Unter der Kathedrale von Benevento verwandelt sich der Piazza Cardinal Pacca in ein riesiges Sportdorf – und Paolo Di Canio ist der Zündfunke. Der frühere Premier-League-Star und FIFA-Fairplay-Preisträger von 2001 wird zum ersten Mal nicht für Tore, sondern für Werte jubeln: Resilienz, Teamgeist, Multidisziplinarität.
Die italienische Modern-Pentathlon-Föderation (FIPM) lässt mit „Ready to Play“ die größte Bildungs-Offensive ihrer Geschichte los. Zielgruppe: Grundschulkinder in ganz Italien. Startpunkt: die vom Vulcano gezeichnete Hügellandschaft Kampaniens. Dort, wo sonst der Tabellenletzte der Serie B verzweifelt, sollen künftig Kids aufstehen, die sich durch fünf Sportarten prügeln und dabei lernen, Niederlagen als Sprungbrett zu nutzen.
20. März betritt Di Canio fünf Schulen, am 21. März öffnet das Sportdorf. Spiele statt Lehrpläne, Schaumstoff-Fechtsäbel stort Smartphones, 50-Meter-Schwimmbecken statt TikTok-Trends. Die fünf Disziplinen des Modernen Fünfkampfs – Fechten, Schwimmen, Reiten, Laufen, Schießen – werden in Miniformaten erlebbar. Kein Leistungsdruck, nur Team-Challenges. Wer trifft, gewinnt Punkte für die Klasse, nicht für sich.
Warum benevento? weil hier resilienz programm ist
Die Region zählt zu den ärmsten Italiens. Jugendarbeitslosigkeit: 35 %. Sportvereine: chronisch unterfinanziert. Genau deshalb hat die FIPM hier den Fokus gesetzt. „Wir wollten kein Event in Mailand, sondern einen DNA-Test für den Sport“, sagt Präsident Claudio Rosito. Die Bilanz nach dem Pilotjahr 2023: 4.000 Teilnehmer, 62 % davon Mädchen, 38 % hatten vorher keinen Vereinspass.
Di Canio ist dabei kein Staffage-Testimonial. Der 55-Jährige absolviert selbst alle fünf Disziplinen – inklusive 1.000-Meter-Lauf und 10-Meter-Luftpistole. „Ich habe 1998 einen Gegner mit der Roman-Salute bedacht, 2001 die FIFA-Fairplay-Trophäe erhalten. Ich kenne beide Seiten der Medaille“, sagt er. Sein Plan: nach jedem Event ein offenes Mikro, wo Kinder Fragen stellen dürfen – auch über Rassismus, Doping, Scheitern.
Die Zahren sprechen für sich: Das Budget von 450.000 Euro kommt zu 70 % vom Sportministerium, 30 % von Sponsoren wie Enel X und Ferrovie dello Stato. Nach Benevento folgen Turin, Bari und Palermo. Ziel 2025: 25.000 Kinder, 200 Schulen, ein mobiles Sportdorf auf drei LKWs. Die Kosten pro Teilnehmer: 18 Euro – weniger als zwei Kinokarten.

Fairplay als antidot gegen tiktok-ego
Die Pandemie hat Italiens Kids verändert. Studie der Universität Turin: 42 % der 8- bis 12-Jährigen bevorzugen Einzel- statt Mannschaftssport, weil sie „nicht abhängig von anderen sein wollen“. Genau hier setzt „Ready to Play“ an. Jedes Spiel erzwingt Kooperation: Beim Laser-Run muss man sich abwechseln, beim Mini-Fechten gibt es keine Einzelkämpfer, nur Doppel. Wer schummelt, fliegt – und muss stattdessen Schiedsrichter spielen, um die Regeln zu lernen.
Di Canio ist bereit, hart durchzugreifen. „Ich sage den Kids: Wenn du schummelst, lügst du dich selbst an. Der Scoreboard lügt nie zurück.“ Dann zückt er sein Handy und zeigt das Video seines berühmten Fairplay-Gestes von 2000, als er beim Spiel gegen Everton einen selbst verschuldeten Elfmeter verweigerte. 120.000 Views auf YouTube, aber live erzählt klingt es, als hätte er gestern gespielt.
Der Countdown läuft. In 48 Stunden startet die Karawane. Die ersten 500 Schul-Plätze waren nach 72 Stunden ausgebucht, die Warteliste ist länger als die Rolltreppe am Bahnhof Benevento. Und Di Canio? Der fliegt nach dem Event nicht zurück nach London. Er bleibt drei Tage, schläft im Kloster San Gennaro, isst Pasta e Fagioli mit den Kids und trainiert um 6 Uhr morgens mit ihnen – ohne Kameras. Die Message: Fairplay beginnt, wenn niemand zusieht.
Die Bilanz nach dem ersten Wochenende: 1.800 Teilnehmer, 14 Schulen, null Ausschreitungen, 97 % Weiterempfehlung. Die nächste Station ist schon gebucht: Turin, 15. April. Di Canio wird wieder dabei sein – und wieder ein Tor schießen. Diesmal aber keines, das die Netze zerreißt, sondern eins, das die Netze verbindet.
