Deutschland verabschiedet sich sieglos: die biathlon-saison, die alles kaputtmachte
Oslo – 22. März 2026, 16:23 Uhr. Die Deutschen verlassen die Arena mit leeren Händen. Kein Siegerfoto, kein Blumenstrauß, nicht einmal ein beschwipstes Lächeln. Erstmals seit Einführung des Weltcups vor 42 Jahren schafft das DSV-Team keinen einzigen Sieg. Die Saison endet mit einem Kratzer im Rekordbuch und einem Kloß im Hals der Fans.
Der winter, der alles versprach und nichts hielt
Die Zahlen sind nackt: 30 Weltcup-Rennen, 0 Siege. Die Podeste? Drei Einzelplätze, zwei Staffel-Top-Three – ein Trostpflaster für Statistiker. Die eigentliche Geschichte aber steckt zwischen den Zeilen. Sie erzählt von Marlene Fichtner und Leonhard Pfund, die in Nove Mesto jubelten, bis die Jury ihr Tor aufriß und den Triumph in eine Anklage verwandelte. Disqualifikation wegen zu spätem Wechseln. Statt Sieg: Scham.
Philipp Nawrath fuhr sich in Oslo mit der Faust gegen den Stock, als er 1,2 Sekunden hinter Sturla Holm Lægreid ins Ziel glitt. Zweiter Platz – so nah, daß man den norwegischen Fahnenstaub noch riechen konnte. Janina Hettich-Walz wurde Zehnte, was auf dem Papier respektabel klingt, im Kontext der Saison aber wie ein Trostpreis wirkt. Die Olympischen Spiele? Bronze in der Mixed-Staffel, mehr nicht. Der Rest war Schweigen.

Wie eine maschine, die verlernte zu siegen
Früher war das deutsche Biathlon ein Selbstgänger: Neuner, Henkel, Doll, Dahlmeier. Heute steht ein Team auf der Matte, das sich selbst nicht mehr versteht. Die Schießgenauigkeit stimmt, die Ski-Zeiten auch – aber der Zündfunke, dieses irrwitzige „Jetzt-reiß-ich-den-weg“, fehlt. Sportpsychologen reden von „Leistungsplateau“, Athleten von „Kopfkino“. Dazwischen liegt eine Wahrheit: Wer jahrelang gewinnt, verlernt das Verlieren – und irgendwann auch den Instinkt, wieder zurückzuschlagen.
Die Verbandsfuhrung wird nun Personal fragen, Abläufe, Material, Training. Doch die eigentliche Frage lautet: Wer übernimmt die Verantwortung für eine Saison, die sich anfühlt wie ein offener Wundenkranz? Bundestrainer Mark Kirchner schweigt bislang. Sein Vertrag läuft 2027. Kündigen? Weitermachen? Die Entscheidung fällt im Sommerlager, wo die Stille noch lauter ist als auf der Schießbahn.
Die Fans werden trotzdem zurückkommen. Weil Sport eben das tut, was sonst nichts schafft: Er erfindet sich neu. Aber bis dahin bleibt ein Winter, den man in den Akten ablegt unter „2025/26 – 0 Siege“. Und ein Satz, der weit über die Loipe hallt: Ohne Glück ist auch Können nur halbe Kraft.
