Deutschland ohne sieg: disl fordert radikalen schnitt

Null Siege, sechs Rennen, ein Schock. Zum ersten Mal seit 42 Jahren droht dem Deutschen Skiverband eine komplette Weltcup-Saison ohne Erfolg. Uschi Disl, einst die Königin vom Schießstand, schlägt jetzt den Takt vor: „Wir brauchen eine Außenprüfung, mindestens zwei Winter lang.“

Disl sieht licht trotz des dunkels

Die achtmalige Weltmeisterin spricht nicht von „kleinen Fehlern“, sondern von „strukturellen Löchern“. Die Franzosen und Norweger seien nicht einfach besser, sondern „ein anderes System“. Ihre Diagnose: Fehlende Durchlässigkeit zwischen Nachwuchs und Weltcup, zu viele Kurzzeitreize, zu wenig Langzeitvertrauen. Beispiel gefällig? Selina Grotian wurde zwischen Sprint und Verfolgung dreimal umgeschichtet – ein psychologischer Handstand.

Und die Podeste von Philipp Horn und Franziska Preuß? „Sekundenlärm“, sagt Disl. „Ein dritter Platz ist kehrbar, aber er kaschiert keine fehlenden Sieg serien.“ Die Krankenliste liest sich wie ein Epidemie-Protokoll: 37 Renn-Absagen durch Infekte, drei Athleten mit Schilddrüsen-Inflammationen. „Wir haben das Immunsystem der Mannschaft unterschätzt“, gesteht Felix Bitterling, der heute sein letztes Wochenende als Sportdirektor verbringt.

Neustart mit 21-jährigen, die noch nie schneechaos erlebten

Neustart mit 21-jährigen, die noch nie schneechaos erlebten

Leonhard Pfund, Elias Seidl, Franz Schaser – drei Namen, die klingen wie ein Schulorchester. Sie dürfen in Oslo starten, ohne Druck, aber mit Datenbrille. „Erste Eindrücke zählen doppelt“, sagt Bitterling. Disl ist gnadenlos ehrlich: „Wenn die Jungs nicht in zwölf Monaten unter die Top-20 laufen, haben wir verloren.“

Die Uhr tickt. Die Verträge von vier Bundestrainer laufen 2027 aus. Das Budget schrumpft um 1,3 Millionen Euro. Und die Konkurrenz? Schweden setzt auf 3-D-Skating-Analyse, Frankreich hat ein eigenes Mentales-Coaching-Departement. Deutschland diskutiert noch über W-LAN im Ski-Wax-Truck.

Am Donnerstag um 16.15 Uhr steht Julia Tannheimer im Startblock. Ein Treffer würde die Statistik retten – aber die Zukunft nicht. Disl nimmt kein Blatt vor den Mund: „Ein Sieg in Oslo wäre ein Pflaster, keine Therapie.“

Die Saison endet am Sonntag, die Aufarbeitung beginnt am Montag. Wer den Schmerz verdrängt, verlängert nur die Krise. Deutschland hat die Wahl: Reset oder Repetition.