Deutschland ohne killer: warum kein stürmer trifft, wenn es zählt
01:05 Uhr, Länderspielabend. Die Uhr tickt, der Gegner steht tief, das Stadion kreischt. Und irgendwo zwischen Strafraumkante und Elfmeterpunkt verpufft der nächste deutscher Angriff. Keine Gefahr, kein Tor, kein Plan. Die Frage ist längst keine Frage mehr: Deutschland hat ein Stürmerproblem – und das ist kein Randnotiz mehr, sondern der zentrale Riss im Kader von Julian Nagelsmann.
Die statistik lügt nicht, sie tritt zu
Seit der WM 2022 schoss kein deutscher Mittelstürmer mehr zwei Tore in Folge in einem Turnier. Niclas Füllkrug? Länderspielpause wegen Muskelbündelriss. Kai Havertz? Läuft halblinks, verlässt als falscher Neun den Sechzehner. Youssoufa Moukoko? 19 Jahre, 59 Bundesliga-Minuten in dieser Saison. Den Rest besorgen Mittelfeldspieler – oder niemand. Die Tordifferenz in der Nations-League-Gruppenphase: 10:6. Die Halbchancen, die ein klasser Neuner verwandelt: null aus acht.
Was die Lage brisant macht: In 87 Tagen startet die Heim-EM. Gegner in Gruppe A: Italien, die Niederlande, Österreich. Drei Teams, die sich genau studiert haben, wie die DFB-Elf in der letzten Druckphase plötzlich ohne Adressaten wirkt. „Wir brauchen keine Nr. 9“, postulierte Nagelsmann nach dem 1:1 in Wien. Die Zahlen antworten mit einem lautlosen Lachen.

Warum der markt keinen retter liefert
Die Bundesliga-Topscorerliste liest sich wie ein Abschiedsbrief: Serhou Guirassy (19 Tore) spielt für den BVB, aber mit 28 Jahren erst zuletzt Durchbruch – und ohne deutscher Pass. Loïs Openda ist belgisch, Victor Boniface nigerianisch. Die einzige deutsche Hoffnung hieß Mathys Tel, doch der 19-Jährige wechselte für 25 Mio. Euro zu Bayern – und wurde dort sofort auf die Bank verfrachtet. Kein Klub kann oder will einen fertigen Torjäger abgeben, der sich nicht in der Champions League beweisen muss.
Das Dilemma: Die Talentschmieden produzieren dribbelstarke Außen, nicht zielstrebige Zentrumspieler. In der U21 laufen Tom Bischof und Paul Nebel auf – beide 1,75 m groß, beide eher Zehner. Die Scouting-Abteilung des DFB listete 23 potenzielle Kandidaten, die älter als 21 und deutscher als Havertz sind. Ergebnis: maximal drei Treffer in dieser Saison, keiner über 1,85 m, keiner mit First-Touch-Killer-Qualitäten.

Die innenansicht: was in der kabine wirklich passiert
Laut BILD-Informationen forderte Kapitän Joshua Kimmich nach dem Spiel in Philadelphia („2:3 gegen Mexiko“) ein offensives Krisentreffen. Thema: „Wer will vorne die Verantwortung übernehmen?“ Füllkrug antwortete mit einem Schulterzucken, Havertz schwieg. Das Problem: Die interne Rangfolge verlangt, dass der älteste Feldspieler das Zepter übernimmt. Doch der älteste deutsche Stürmer im Kader ist Lukas Nmecha – mit 25 Jahren und gerade einmal 137 Minuten in diesem Jahr.
Nagelsmann probiert es mit Videoanalysen, bei denen er jeden verwertbaren Ball der letzten zehn Spiele einzeln vorführt. Die Botschaft: „Bewegung schafft Raum, Raum schafft Tore.“ Die Realität: Nach 60 Minuten taumelt der Gegner, aber die deutsche Spitze taumelt mit. Die Lösung: ein Systemwechsel auf 3-4-2-1, das Jamal Musiala und Florian Wirtz in die Halbräume verfrachtet – und Hoffenheim-Angreifer Maximilian Beier (acht Bundesliga-Tore) als eigentliche Spitze duldet. Beier ist 21, 1,83 m groß und hat eine Eigenheit, die man in der Nations League vermisste: Er schießt, sobald der Ball springt.
Fazit: die em rückt näher, die lücke größer
Die deutsche Fußballgeschichte lehrte uns: Ohne bockigen Mittelstürmer keinen Turniersieg. 1974 hatte Gerd Müller, 1990 Jürgen Klinsmann, 2014 Miroslav Klose. 2024? Ein Fragezeichen mit Adressat „offene Stelle“. Wenn Nagelsmann in den nächsten 87 Tagen keinen findet, der trifft, wenn der Gegner schon die Beine schwer macht, wird der Sommermärchen-Plot ein Sommerdrama. Die Zeit rennt schneller als der nächste Konter – und schneller als jedes Talente am Flügel. Deutschland spielt sich schön, aber Tore holt sich nur, wer sie auch will. Bisher will sie keiner.
