Deutsche skijägerinnen raumen auf: mehringer und röiseland müssen gehen
Es ist ein Schlag in die Magengrube des deutschen Biathlon-Zentrums: Kristian Mehringer und Sverre Olsbu Röiseland sind raus. Nach der ersten olympiamedaillenlosen Saison seit 1988 zieht der Deutsche Skiverband die Reißleine – und das, obwohl Mehringer gerade mal 48 Stunden zuvor noch euphorisch von „neuen Impulsen“ gesprochen hatte.
Warum genau jetzt der stecker gezogen wurde
Felix Bitterling, Sportdirektor und sonst so wortkarg wie ein verschneites Waldstück, ließ es beim ZDF-Mikrofon regelrecht knallen: „Wir brauchen einen Kurswechsel, nicht ein Facelifting.“ Dahinter steckt die nackte Bilanz: Kein Weltcupsieg, keine Olympia-Medaille, Platz 4 im Nationscup – das ist für einen Verband, der sich selbst als „Dauerbrenner“ versteht, ein Offenbarungseid. Besonders bitter: Die einzige deutsche Podestplatzierung überhaupt holte Franziska Preuß – und die hat direkt danach mit 32 Jahren Schluss gemacht.
Mehringer, 44, war seit 2016 die graue Eminenz hinter den Stöckli-Stöcken. Er baute Denise Herrmann zur Weltmeisterin um, tüftelte an Mikro-Pausen zwischen Schießserie und Schneefegen. Doch seit der Coronapause schlichen sich systematische Fehler ein: zu hohe Pulsfrequenzen im Stehendanschlag, zu lasches Aufholen nach Strafrunden. Intern sprachen Athletinnen von „Trainingsfetzen statt sauberer Periodisierung“. Läuft man die Daten hoch, zeigt sich: Im Windkanal schoss das DSV-Team 1,8 Prozent schlechter als der Welt-Durchschnitt – das klingt nach Peanuts, entscheidet aber zwischen Rang 6 und Treppchen.

Röiseland fliegt nach hause – und nimmt erfahrung mit
Der Norweger geriet nie in Verruf, eher im Gegenteil. Nach seiner Hodenkrebs-Operation im Vorjahr kehrte er zurück, baute die Frauen mental auf, brachte Marte-Olsbu-Erfahrung ins Lager. Doch die Geburtsanzeige für September war das Todesurteil für eine weitere Staffelzusammenarbeit. „Ich will meine Kinder nicht via Skype großziehen“, sagt er selbst. Intern hieß es zudem, dass der norwegische Verband ihm bereits ein Angebot unterbreitet habe – Coaching der Junioren, mit Home-Office-Faktor. Die DSV-Spitze fürchtete ein Zerreißen zwischen zwei Herzen und zog den Kürzeren.
Was folgt, ist ein Vakuum. Keine Namen, keine Zeitpläne, nur vage Andeutungen: „Eine internationale Expertise mit deutschen Wurzeln“, sagt Bitterling. Klar ist: Die Nachfolger bekommen ein defizitäres Team. Hinz kommt personelle Schieflage: Mit Vanessa Voigt (26) und Janina Hettich-Walz (28) bleiben nur zwei Athletinnen, die olympische Erfahrung mitbringen. Die Talente dahinter – Selina Grotian, Sophia Schneider – stecken noch in der Rohform.
Und die Zeit drängt. Schon im Mai steht das erste Sommer-Bootcamp in Ruhpolding an, wo die neuen Coachs Schneetraining, Laktattests und Schießanalysen verzahnen müssen. Wer auch immer die Zusage bekommt, tritt nicht nur eine Stelle an, sondern einen Kulturbetrieb: 24 Stunden Dauereinsatz, 150 Reisetage, zwischendurch Bundestrainer-Konferenzen, Mental-Coaching, Sponsorentermine. Die letzte externe Kraft, der Finnen-Inder Jonas Paukkerö, schmiss nach 14 Monaten hin – zu viel „deutsche Bürokratie“.
Die Athletinnen reagierten mit demonstrativer Zurückhaltung. Auf Instagram postete Voigt ein Bild vom Sonnenuntergang über der Arena – ohne Kommentar. Hettich-Walz kommentierte lediglich drei Worte: „Neues Kapitel. Auf geht’s.“ Dahinter steckt der unterschwellige Tenor: Wir haben nichts zu verlieren. Die letzte Medaille stammt aus dem verregneten Pokljuka-Winter 2021. Seitdem ist das deutsche Frauen-Biathlon in einer Art Dauer-Dämmerzustand.
Kurz vor Mitternacht schickte das DSV-Büro noch eine Erklärung hinterher: Mehringer werde künftig „strategische Sportentwicklung“ übernehmen. Gemeint ist: Er darf sich mit Analytics, Leistungsdiagnostik und Zukunftstechnologien beschäftigen – statt mit Transschweiß auf der Streckenseite. Eine Beförderung zum Sessel, keine Demontage. Röiseland dagegen fliegt heim, mit Kusshand und offenem Rückkehrfenster. Ob er je wiederkommt, entscheidet sich in vier Jahren – oder nie.
Fakt ist: Die deutschen Biathletinnen starten in eine Saison ohne Netz und doppelten Boden. Die Konkurrenz schlummert nicht. Frankreich baut auf Julia Simon, Italien auf Dorothea Wierer, Norwegen auf ein ganzes Rudel. Und Deutschland? Sucht einen Trainer, der verrückt genug ist, diesen Laden wieder auf Vordermann zu bringen – und dabei die nächste Heim-WM in 2027 im Blick behält. Die Bewerbungsfrist läuft, die Uhr tickt. Bitterlings letzter Satz klang wie ein Donnerhall: „Wir wollen wieder angreifen, nicht nur dabei sein.“ Ob das reicht, wird sich auf der Schießanlage zeigen – nicht auf dem Papier.
