Deschamps flippt aus: olise um haaresbreite am krüppel-tackling vorbeigeschrammt

Ein einziger Satz hallt durch das leere Stadion von Bordeaux, als die Uhr bereits 90+4 zeigt: „Zum Glück ist er gesprungen, sonst hätte er nur noch ein Bein übrig.“ Didier Deschamps, sonst Meister der kontrollierten Rage, schlägt mit flacher Hand auf das Pult, als hätte er selbst das Tackling verpasst. Der Franzosen-Boss hatte soeben gesehen, wie Michael Olise in letzter Sekunde einem Kolumbianer auswich, dessen Stiefel auf Höhe des Knies durch die Luft riss – ungesehen vom Schiedsrichter, ungeahndet, aber nicht ungesühnt für Deschamps’ Nervenkostüm.

„Wir spielen hier kein american football!“

Der 57-Jährige rastet komplett aus. Aggressivität? Okay, sagt er, das kennt man aus Südamerika. „Aber das geht ein bisschen zu weit.“ Er spricht mit dem vierten Offiziellen, fordert Karten, fordert Regelklarheit. Stattdessen bekommt er ein Schulterzucken. Die Folge: Olise bleibt liegen, humpelt, bleibt aber auf dem Feld – weil Deschamps schon vor dem zweiten Test alle Wechsel verbraucht hatte. Die Bilder gehen durchs Netz: ein Flügelflitzer, der in der Luft hängt, ein Gegner, der wie ein Linebacker durchstartet. Die Kommentatoren sprechen von „Glück“, Deschamps von „Katastrophe verhindert“.

Die WM ist in 180 Tagen, Olise ist gerade erst zur Rotation gestoßen, soll in München die rechte Seite entzünden. Verliert Deschamps ihn jetzt, muss er umplanen, muss er erklären, warum Testspiele in März schon April-Blues bedeuten. „Ich habe Rücksicht genommen auf die Clubs, auf die Champions-League-Phase, auf die Psyche der Jungs“, sagt er. Dann platzt es heraus: „Und dann so eine Aktion. Das ist nicht mehr Fußball, das ist Gladiatoren-Show.“

Franzosen trotzdem hoch – aber mit beben im nacken

Franzosen trotzdem hoch – aber mit beben im nacken

Dabei lief es sportlich rund: 3:1 gegen Kolumbien, nach dem 2:0 gegen Brasilien, beide Male neue Startelf, beide Male Sieg. Das Selbstvertrauen ist riesig, die Tordifferenz +3, der Punkteschnitt 100 %. Doch im Mixed-Zone-Gang zählt nur ein Thema: Wer schützt unsere Stars? Die französische Liga droht mit Klage, der kolumbianische Verband mit Schweigen. FIFA? Noch keine Stellungnahme. Deschamps schüttelt den Kopf: „Wenn wir so weitermachen, brauchen wir keine Taktik-Boards mehr, sondern Helmpflicht.“

Olise selbst wirkt betäubt, aber laufstark. Er verlässt das Stadion mit einer Eisumwicklung, ohne Kreuzbandriss, ohne Meniskus-Drama. Die Diagnose: Prellung, fünf Tage Pause. Die Botschaft: Glück gehabt. Die Frage: Wie lange noch? Denn die nächsten Länderspiele kommen im Juni, dann gibt es keinen Deschamps mehr, der wütend aufschreit – nur noch den echten Schiedsrichter, der pfeift oder eben nicht. Und wenn er nicht pfeift, fliegt eben das nächste Bein. Die Liga-Zeit ist vorbei, die WM-Zeit beginnt – mit oder ohne Glück.