Derby-küsse statt derby-krach: saelemaekers und die freunde von gestern
Alexis Saelemaekers wird morgen im Milan-Shirt gegen seinen „Bruder“ Hakan Calhanoglu treten – und anschließend mit ihm das Abendessen planen. Der Belgier outete sich heute als lebender Beweis dafür, dass San-Siro-Rivalität nur 90 Minuten dauert.
„Wir telefonieren noch jede Woche, reden über alles – nur nicht über Fußball“, sagte der Flügelspieler, der 2020 als 20-Jähriger vom FC Empoli nach Mailand wechselte und sofort von Calhanoglus Familie adoptiert wurde. „Hakan hat mir damals die Stadt gezeigt, seine Frau gekocht, seine Kinder geholt. Ein Derby ändert daran nichts.“
Geheimnis der bruchlinie: freundschaft kalkuliert nicht
Im Lauf der Saison 2025/26 sind es nicht nur die beiden. Laut Auswertung der Serie A trennen 17 Akteure der beiden Mailand-Klubs gerade mal ein paar Straßenzüge, aber Jahre voller gemeinsamer Jugendlager, Leihgeschichten oder Nationalteam-Nächte. Der Österreicher Luka Sucic traf gestern noch mit Luka Modric im Hotel „Principe di Savoia“ aufeinander – Mentor und Schützling von der U21 bis zur Champions League. Torhüter Josef Martinez und Inter-Abwehrspieler Stefan de Winter teilen sich seit der Genoa-Ära denselben Fitnesstrainer, während Nicolo Barella und Empoli-Kapitän Samuele Ricci gemeinsam aus der Toskana stammen und sich heute Nachmittag per FaceTime die Aufstellungen zuschickten.
Derby-Kapitan Alessio Romagnoli lacht, als wir ihn nach dem Phänomen fragen: „Wir sind keine Feinde, wir sind Konkurrenten. Das ist ein Unterschied, den nur die Fans manchmal vergessen.“ Die Zahlen unterstreichen es: In den letzten fünf Derbys gab es kein einziges Spuck- oder Beleidigungs-Protokoll der Liga – eine Statistik, die in den 90ern und 2000ern undenkbar war.

Der mythos stirbt – und das stadion atmet auf
Der Trend kommt nicht von ungefähr. Seit dem neuen Fair-Play-Kodex der Serie A drohen Spielern bei Hassverhalten ab der Saison 2024/25 Automatik-Sperren von vier Partien plus Gehaltseinbehalt. Die Klubs setzen zusätzlich auf „Integration Days“: Zweimal pro Saison müssen sich Nachwuchskräfte beider Lager zu gemeinsamen Sozialprojekten treffen – und wer sich weigert, fliegt aus dem Kader. Das Ergebnis: Die Rote Karte im Derby ist seit 2023 eine ausgestorbene Spezies.
Saelemaekers will sich nicht auf die Statistik reduzieren lassen. „Fußball ist Emotion, klar. Aber wenn der Schiri pfeift, umarme ich Hakan trotzdem. Und wenn wir verlieren, trinke ich trotzdem mit ihm einen Kaffee – nur ohne Zucker“, sagt er grinsend und verschwindet in der Kabine. Dort wartet bereits eine WhatsApp-Nachricht: Calhanoglu hat den Tisch im Lieblingslokal reserviert. 20 Uhr, nach dem Spiel. Ganz egal, ob 3:0 oder 0:3 – der Tisch bleibt gleich.
