Derby-endspurt: wer beherrscht die letzten zehn minuten?
Wenn die Uhr die 80. Minute überschreitet, beginnt in Mailand eine andere Partie. Eine, die Nerven kostet, Tabellen verschiebt und manchmal ganze Saisons entscheidet. Der Stadtderby am Sonntag im Meazza wird kein gewöhnliches Spiel sein – und sein Ausgang könnte sich genau in diesem letzten Spielabschnitt entscheiden, den viele Zuschauer bereits auf dem Heimweg verpassen.
Milan verliert keine punkte nach der 80. minute – inter kassiert die meisten gegentore
Die Zahlen lügen nicht. Milan hat in dieser Serie-A-Saison 6 Punkte durch Tore nach der 80. Minute geholt – und dabei keinen einzigen Punkt in dieser Phase abgegeben. Null. Das ist keine Kleinigkeit, das ist Charakter. Nur Napoli war mit 7 Punkten noch effektiver. Juventus kommt auf 4, Inter auf magere 2, Roma auf gar nichts.
Aber da ist die andere Seite der Medaille. Inter hat in den letzten zehn Minuten 14 Tore erzielt – mit Abstand die meisten unter den großen Klubs. Gleichzeitig hat die Mannschaft von Simone Inzaghi in eben dieser Phase auch 5 Punkte verloren, mehr als jeder andere Spitzenklub. Torreich, aber verwundbar. Explosiv, aber nicht dicht.

Allegri und die kunst des späten comebacks
Es gibt eine Frage, die Mailands roten Fanblock seit Wochen beschäftigt: Warum braucht dieses Team stets das Messer an der Kehle, um aufzuwachen? Der Sieg in Cremona war wieder so ein Fall. Pavlovic traf in der 90. Minute, Leão setzte in der 94. den Schlusspunkt – und plötzlich ist der Rückstand auf Inter auf mögliche 7 Punkte geschrumpft. Napoli, Roma und Juventus haben dabei laut geflucht.
Trainer Massimiliano Allegri wiederholt es mantrahaft: Spiele enden selten beim Schlusspfiff des Schiedsrichters. Er meint damit nicht nur die ausgedehnten Nachspielzeiten, die heute locker 5 bis 6 Minuten umfassen können. Er meint die Fähigkeit, unter Druck zu funktionieren – genau dann, wenn die Beine brennen und der Kopf leer wird.

Einwechselspieler als geheime waffe der nerazzurri
Noch eine Zahl, die aufhorchen lässt: Inter hat 11 Tore durch Einwechselspieler erzielt – Ligabestwert unter den Top-Klubs. Juventus folgt mit 8, Milan und Roma mit je 6, Napoli mit 3. Das zeigt, wie tief und gefährlich Inters Bank besetzt ist. Ein Joker kann den Derby kippen. Das weiß Allegri. Das weiß auch sein Gegenüber.
Was sich also für Sonntagnacht abzeichnet, ist ein Finale der Extreme. Milan stabiler, disziplinierter, mit einem Auge auf die Defensive. Inter explosiver, variabler, aber anfälliger für den Gegenschlag in der Schlussphase. Wer die letzten zehn Minuten im Meazza beherrscht, beherrscht womöglich den Derby – und vielleicht noch ein Stück mehr von dieser Saison.
