Der tag, an dem joachim deckarm nicht mehr auftauchte
30. März 1979, 19.37 Uhr, Sporthalle Tatabánya. Ein dumpfer Knall, dann Stille. Joachim Deckarm, 24, Weltmeister, Jahrhunderttalent, liegt mit dem Hinterkopf auf dem Parkett. Die Unfallsekunde dauert keine zwei Zehntel, doch sie zieht sich durch vier Jahrzehnte und endet nicht.
Der aufprall, der alles zerbrach
Deckarm war in Ungarn, um mit VfL Gummersbach ins Finale des Europapokals der Pokalsieger einzuziehen. Er sprang, wollte werfen, prallte mit Lajos Panovics zusammen. Sein Schädel knallt aufs Holz, das Gehirn schlägt gegen die Schädeldecke, die Schädelbasis bricht doppelt. Diagnose: commotio cerebri mit Kontusion, Hirnstamm betroffen. Die Notärzte bringen ihn in die Klinik Veszprém, doch die wahre Station heißt Koma – 204 Tage.
Was danach folgt, ist kein Comeback, sondern eine Langstreckenwanderung durch Reha-Zentren, Atelungen, Sprachübungen. Deckarm lernt wieder „Mama“ sagen, bevor er „Tor“ sagt. 1985 sitzt er erstmals im Rollstuhl im Gummersbacher Waldstadion, 1989 spricht er einen Satz ohne Stottern. Heute, 45 Jahre später, zählt er die Schritte, die er mit Gehhilfe schafft: zwölf Meter, Rekord.

Der gegner, der nie vergaß
Lajos Panovics beendet seine Karriere früh, trinkt, raucht, kann nachts nicht schlafen. 2014 fahren beide Männer zusammen nach Tatabánya, essen Gulasch, reden über Schuld. Panovics: „Ich habe jeden Tag seine Augen vor mir.“ Deckarm antwortet mit Mühe: „Spiel weiter.“ Kein Schuldbekenntnis, keine theatralische Vergebung – nur zwei Rentner, die ein Flüchtigkeitsfehler für immer verbindet.
In Gummersbach hat Deckarm eine kleine Wohnung am Kanal. An der Wand hängt das Trikot von 1978, die Nummer 13. Jeden Samstag fährt er mit dem Taxi in die Halle, sitzt hinter der Bande, pfeift sich die Hymne mit. Die aktuellen Profis nennen ihn „Jogi“, reichen ihm Bier und Brezel. Er lacht, die linken Mundwinkel zuckt, das rechte Auge bleibt halb geschlossen – das Lächeln eines Mannes, der weiß, dass Zeit keine Gerade ist, sondern eine Schleife.
Heute, am 30. März 2026, wäre Joachim Deckarm 71 Jahre alt. Er kann den Arm nicht heben, um zu winken, aber er kann sagen: „Ich bin noch im Kader.“ Und das reicht. Kein Heldengeschichten-Schluss, kein Happy End. Nur ein Leben, das nach dem Schlag weiterging – Stockwerk für Stockwerk, Silbe für Silbe.
