Der mann, der 17 wm-spiele erlebte: hartmut scherzer bleibt unermüdlich
Hartmut Scherzer hat sie alle gesehen. Seit Chile 1962 war der Reporter aus Heusenstamm bei jeder Fußball-Weltmeisterschaft dabei – ein Weltrekord, der selbst die FIFA verblüfft. Mit 88 Jahren sitzt er jetzt in den USA, Mexiko und Kanada und arbeitet weiter, als hätte er noch dreißig Jahre vor sich.
Der Aztekenstadion in Mexiko-Stadt ist für Scherzer kein beliebiger Ort. Hier erlebte er 1970 das Jahrhundertspiel gegen Italien, 1986 wohnte er sogar unter einem Dach mit Franz Beckenbauer und dem DFB-Team. Heute wäre das undenkbar. Damals war es Normalität, und Scherzer dokumentierte jeden Moment.
Wie ein 88-jähriger die kollegen übertrumpft
In der Mixed Zone nach einem Bundesliga-Spiel der Eintracht passiert etwas Seltsames. Journalisten drängen sich, schreien Fragen, hetzen. Dann meldet sich Scherzer aus der letzten Reihe. Leise, freundlich, unbeeindruckt von der Hektik. Die anderen verstummen. Die Spieler hören genauer hin. Dieser Effekt hat sich über Jahrzehnte verfestigt.
Julian Nagelsmann kürte ihn zum Ehrenreporter: Bei der Pressekonferenz zum 88. Geburtstag durfte Scherzer die erste Frage stellen. Keine große Geste, keine Sentimentalität. Er wollte wissen, ob Nathaniel Brown spielen würde. Einfach, präzise, nützlich für die Leser. Die Kollegen atmeten auf – Nagelsmann konnte in dieser Konstellation kaum ausweichen.
Der aktuelle WM-Trip führte ihn von Mexiko-Stadt nach Houston, dann mit dem Bus nach Dallas. Lionel Messi noch einmal live sehen, nannte er einen Genuss. Aber Scherzer arbeitet nicht mit der Nostalgie-Brille. Nach dem deutschen Spiel gegen Ecuador wartete er über zwei Stunden auf Willian Pacho, den Ex-Frankfurter. Die Mixed Zone war längst leer. Scherzer blieb, holte Statements auf Deutsch, lieferte die Story.

Die unbequeme berühmtheit
In New Jersey ehrte ein FIFA-Vertreter ihn für den Rekord. Was folgte, war eine Stunde Interviews für chinesische, japanische, mexikanische, italienische Medien. Scherzer fand es komisch. Auch unangenehm. Reporter schreiben Geschichten, sie werden nicht selbst zur Geschichte.
Bastian Schweinsteiger fragte ihn neulich scherzend, ob sie sich bei der 18. WM wiedersehen würden. Scherzers Antwort kam ohne Zögern: Wenn der Körper mitspielt, ist er dabei. Er fühle sich hier dreißig Jahre jünger. Die Zahl ist kein Zufall – sie beschreibt einen Mann, der 1962 begann, als Pele noch spielte, und 2026 noch immer sucht, was andere übersehen.
Die wahre Leistung ist nicht die Anzahl der Turniere. Es ist die Art, wie er sie erlebt hat: neugierig, hartnäckig, frei von dem Ego, das junge Kollegen oft lähmt. In einer Branche, die schnell vergisst, erinnert Scherzer daran, dass gute Arbeit keine Altersgrenze kennt.
