Der frauenfußball rast – seine knie bleiben zurück
17 Kreuzbandrisse in einer Saison, Faktor 4,3. Die Bundesliga der Frauen ist ein Krankenlauf, und die Wissenschaft schaut noch immer in die Röhre. Während die Stadien jubeln, knacken Innenband und ACL wie trockene Zweige. Union Berlin zählt mit: Korina Janež fällt ein Jahr aus. Die Medizin liefert bislang vor allem Ratlosigkeit.
Die datenlücke trägt trikot
Leonard Achenbach nennt es beim Namen: Gender Data Gap. Die meisten Studien zu Knieverletzungen stammen von Männern, für Männer, über Männer. Breiteres Becken, schwächeres Bindegewebe, wechselnde Hormone – alles Faktoren, die Frauenknie anders belasten. Doch konkrete Zahlen? Fehlanzeige. Der DFB-Koordinator spricht offen von „Rückschlüssen auf Basis männlicher Daten“. Das reicht, um Profis zu alarmieren, nicht aber, um sie zu schützen.
Die Folge: Trainer schöpfen aus demselben Pipeline-Programm wie für Jungs, nur mit mehr Glanz und weniger Pause. Klara Bühl fordert deshalb „Adaptionszeit“. Ihre Forderung klingt simpel, ist aber revolutionär: Spielpläne, die Menstruationskalender berücksichtigen. Noch klingt das nach Wellness-Wunschkonzert. In Wahrheit ist es Arbeitsrecht.

Union berlin baut gegenwelten
Seit 2023 leitet Jennifer Zietz die Frauen-Abteilung beim 1. FC Union. Sie weiß: „In drei, vier Jahren werden wir besser ausgebildete Spielerinnen haben.“ Bis dahin müssen improvisierte Schutzmauern reichen: individuelle Belastungssteuerung, größerer Medizin-Stab, verpflichtende Kraftzirkel für U-14-Mädchen. Die Kosten steigen, der Etat auch. Der Klub finanziert das aus Marketing-Erlösen, die wiederum mit Reklame für eben jene Stadien-Auslastung gemacht werden. Ein Teufelskreis, der zumindest Bewegung enthält.
Die Spielerinnen selbst probieren, was die Wissenschaft nicht liefert. Einige notieren Zyklusphasen in Fitnes-Apps, andere tragen Knieorthesen zur Aufwärmung. Die Bandagen sehen aus wie Start-up-Design, wirken aber nur so gut wie das Wissen dahinter – also halbgar.
Die schiere Zahl der Verletzten liefert indes ein Stück Wahrheit, das sich nicht wegdiskutieren lässt: 17 Ausfälle in der laufenden Saison, sieben bei den Männern. Die Quote steigt parallel zu TV-Rechten und Ablösesummen. Wenn sich nicht bald eine Hochschule findet, die Frauenknie genauso ernst nimmt wie VAR und Torlinientechnik, bleibt dem Frauenfußball nur eins: wachsen mit Handicap. Die nächste Generation darf sich dann zwischen Karriere und Knie entscheiden.
