Der flop, der alles flachlegte: wie dick fosbury olympia und den hochsprung neu erfand
Ein einziger Sprung am 20. Oktober 1968 katapultierte einen schüchternen Studenten aus Portland in die Sportgeschichte – und riss die Latte unter den Füßen der Konkurrenz weg. Dick Fosbury segelte rückwärts über 2,24 m, holte Gold und machte sich mit dem «Fosbury Flop» zum Bauplan für jede Generation, die danach kam.
Die Revolution war schon in der Highschool von Medford entstanden. Fosbury hasste den klassischen Straddle-Stil, bei dem sich die Springer bäuchlings über die Latte rollen – zu technisch, zu riskant. Nach einem gebrochenen Handgelenk weigerte er sich, weiterhin kopfüber zu kriechen. Also drehte er sich einfach um. Seine ersten Versuche endeten regelmäßig im Sandsack, die Trainer schüttelten den Kopf. «Geh lieber zum Zirkus», spottete Bernie Wagner. Die Lokalzeitung titelte: «Der faulste Hochspringer der Welt».
Doch Fosbury ließ sich nicht erpressen. Er studierte die Physik des Sprungs, entdeckte, dass das neue Zentrum schon beim Absprung tiefer lag – und dass die Wirbelsäule beim Rückwärtsflug eine natürliche Brücke bildet. Die Latte sank nicht, seine Bestleistung stieg. 1967 sprang er 2,10 m, ein Jahr später krachte er in Mexiko die olympische Rekordmarke. Die Fotos gingen um die Welt: Ein magerer Blondschopf, der sich wie ein Fisch auf dem Trockenen krümmt – «Fosbury Flops Over the Bar».
Die Konsequenz war rasant. Bei Olympia 1972 in München sprangen 36 von 40 Finalisten nach Fosbury-Methode, darunter Ulrike Meyfarth, die mit 16 Gold holte und später betonte: «Ohne Dick hätte ich nie die Latte berührt.» Der Straddle-Stil verschwand binnen einer Dekade vom Podest – heute ist er nur noch in Lehrbüchern zu finden.

Gold, ruhm, exit – die flucht nach vorn
Was niemand ahnte: Der Mann, der den Sport revolutionierte, litt unter seiner eigene Erfindung. Fosbury hasste Rampenlicht, schwänzte die Eröffnungsfeier, fuhr stattdessen zu den Pyramiden, um den Sonnenuntergang zu fotografieren. «Ich war völlig überfordert», sagte er später. Zwei Tage nach dem Triumph zog er sich aus dem Olympischen Dorf zurück, ein Jahr später beendete er mit 22 seine Karriere. Kein Weltrekord, kein Comeback – einfach Schluss.
Er zog nach Idaho, baute Brücken und Schulen als Bauingenieur, wurde Bürgermeister von Ketchum und saß 16 Jahre für die Demokraten im Parlament. Der Mann, der einst über Balken schwebte, verhandelte jetzt über Straßenbudgets. Nur nebenbei arbeitete er für die World Olympians Association, reiste zu Jugendcamps und erklärte Teenagern, warum Mut wichtiger ist als Perfektion.
Die zweite Krankheit holte ihn 2022 ein. Fosbury war bereits einmal an Lymphom erkrankt und besiegt worden; als das Rezidiv kam, organisierte die Sportwelt Benefizlaufen, spendete, schickte Videos. Am 12. März 2023 starb er mit 76 Jahren in seiner Heimatstadt. Die Nachricht verbreitete sich innerhalb von Minuten – und prompt flogen auf Meetingbahnen wieder Latten, diesmal aus Respekt: Athleten stellten Schuhe und Startnummern auf die Rücken und sprangen im stillen Gedenken.
Heute, drei Jahre danach, fliegt jeder Weltklasse-Hochspringer rückwärts. Die Technik ist nicht nur schneller, sie ist auch schöner: ein flacher Bogen, ein langer Schatten, ein Körper, der sich in der Luft aufrichtet und die Latte wie ein Seil segnet. Der Sprung, der einst als Clown-Nummer galt, ist zum Standard geworden – und sein Erfinder zum Phantom, das nur noch in Archivfotos rückwärts fliegt.
Dick Fosbury hat nie ein Buch geschrieben, keine Memoiren, keine Technik-DVD. Sein Vermächtnis ist schlicht: Wer heute die Latte überquert, landet auf seiner Erfindung. Die Hochsprung-Bibel endet mit einem einzigen Satz: Flop or drop.
