Der deutsche tour-boom begann vor 49 jahren mit einem blonden engel
Vor 49 Jahren, am 30. Juni 1977, fuhr ein 22-jähriger Frankfurter ins Gelbe Trikot und entfachte einen Radsport-Beben, das Deutschland bis heute nicht vergessen hat. Dietrich Thurau, der „blonde Engel“, war geboren.
15 Tage lang trug er das Maillot jaune. Fünfzehn Tage, in denen eine Nation träumte. Als die Tour in Freiburg Halt machte, belagerten 300 Menschen sein Hotel. ARD-Kommentator Herbert Watterott verglich die Stimmung mit dem Wunder von Bern. Jacques Chirac, damals Pariser Bürgermeister, behauptete: „Seit Konrad Adenauer hat keiner mehr für die deutsch-französische Freundschaft getan als Didi Thurau.“

Der moment, der alles veränderte
Das Bergzeitfahren an die Alpe d'Huez brachte das Drama. Thurau verlor das Gelbe Trikot an Bernard Thévenet, büßte in 21 Kehren über zwölf Minuten ein. „Mit Zuckerwasser fährt keiner diese Berge hoch“, sollte er später einsehen. Fünfter in Paris, Träger des Weißen Trikots – und dennoch: ein Sieg, der keiner war.
Was folgte, liest sich wie eine Warnung. Thurau verließ TI-Raleigh, suchte beim belgischen Ijsboerke-Team die Alleinherrschaft. Die großen Coups blieben aus. Lüttich-Bastogne-Lüttich 1979, zwei Vize-Weltmeistertitel – das war's. Die 15 Tage im Gelben blieben sein unerreichbarer Gipfel.
Der Ruhm war ihm zu Kopfe gestiegen. Schlimmer noch: die Dämonen. Während der Tour 1977 positiv getestet, durfte er dennoch weiterfahren. Jahrzehnte später gestand er den Gebrauch leistungssteigernder Substanzen ein – behauptete aber auch: „Mit Doping hätte ich die Tour sonst gewonnen.“ Ein Satz, der zwischen Selbstgerechtigkeit und verbitterter Einsicht schwankt.
Heute lebt Thurau, 71, am Bodensee. Tennis statt Rennrad. „Zu gefährlich mit den Autos.“ Das letzte Gelbe Trikot verschenkte er ans Museum in Roeselare. Doch die Leidenschaft blieb. „Ich habe alles erreicht, was ich so wollte“, sagte er 2019. Eine Lüge, die man ihm gönnt – oder die Wahrheit eines Mannes, der sich mit dem Unvollendeten arrangiert hat.
Die 15 Tage im Juni 1977. Das ist sein Erbe. Nicht das, was danach kam.
