Del toro kettet sich für pogacar an van der poels rad

Die Jagd auf La Primavera wird zur taktischen Schachpartie auf zwei Rädern. Isaac del Toro, bisher dominanter Sieger von Tirreno-Adriatico, verzichtet auf eigene Lorbeeren und schaltet im Auftrag von Tadej Pogacar in den Helfermodus. „Ich werde für Tadej fahren und nicht auf ein eigenes Ergebnis aus sein“, sagte der 22-jährige Mexikaner nach seiner Rundfahrt-Krone – ein Satz, der das Machtgefüge bei UAE Team Emirates neu justiert.

Pogacars letzte weiße fleck auf der landkarte

Mailand–Sanremo ist das einige Monument, das dem Slowenen noch fehlt. Letztes Jahr wurde er auf der Via Roma nur Dritter, weil Mathieu van der Poel jeden Stich parierte. Genau diesen Niederländer will del Torojetzt vorzeitig müde machen. „Ich war im Tirreno ständig an van der Poels Hinterrad, vielleicht hilft das für Sanremo“, sagt er mit dem kalzen Lächeln eines Analysten. Die Botschaft: Wenn van der Poel in die Cipressa attackiert, wird del Toro die Zügel straffen und das Tempo so hoch schrauben, dass der Weltmeister in den roten Bereich läuft.

Ohne Jhonathan Narvaez und Tim Wellens, beide verletzt, rückt del Toro zur Leitplanke. UAE spielt offen mit doppelter Machtverteilung: Baskenland-Rundfahrt fährt del Toro als Captain, Sanremo opfert er sich für Pogacar auf. Dieses Rollenspiel ist keine Nebensache, sondern die DNA des modernen Radsports – Wer Zeitfahren kann, muss auch Lead-out springen.

Cipressa wird zur schaltzentrale

Cipressa wird zur schaltzentrale

Die letzten 30 Kilometer des Klassikers sind ein Pulverfass. Pogacar will die Sprengung direkt vor der Poggio-Einfahrt zünden, del Toro liefert die Lunte. In der Toskana zeigte er, wie man Van der Poel in die Knie zwingt: konstant 450 Watt auf Rollsteinen, kleine Beschleunigungen, die dem Niederländer die Reserve saugen. „Ich möchte schnell lernen“, sagt del Toro – und meint: Ich möchte lernen, wie man einen Fahrer mit drei Flandern-Siegen in die Verzweiflung treibt.

Die Zahl, die alle Sprachlos macht: zehn Siege hat UAE Team Emirates bereits vor Mitte März eingefahren. Drei davon auf del Toros Konto, zwei auf Pogacars. Fügt man die bisherige Punktzahl im UCI-Weltcup zusammen, liegen die Emirate 1.412 Punkte vor Quick-Step – ein Vorsprung, der größer ist als manche Teams in der Gesamtwertung überhaupt sammeln.

Am Samstag wird also nicht nur die Via Roma entscheiden, sondern auch die Frage: Schafft Pogacar den Sprung ins exklusive Klubhaus der fünf Monument-Sieger? Oder liefert van der Poel erneut die Antwort auf höchstem Niveau? Del Toros Rolle könnte die Karte sein, die alles zugunsten des Slowenen verschiebt – oder diejenige, die den Holländer zur Gegenattacke zwingt.

Die Wetterprognose verspricht Sonne und 17 Grad. Perfekte Bedingungen für ein Rennen, das ohnehin keine versteckten Karten mehr duldet. Und sollte del Toro am Ende mit leeren Beinen über die Ziellinie rollen, wird er trotzdem gewinnen – nämlich den Respekt der Peloton-Insider, die wissen: Ohne Selbstaufopferung kein Triumph in Sanremo.