De bruyne steht wieder auf dem rasen: 127 tage nach seinem knie-gau kehrt der belgische zauberer zurück
Castel Volturno – 127 Tage hat er sich geduldet, gehofft, gequält, gearbeitet. Jetzt ist Schluss mit Laufband und Reha-Zentrum in Lokeren. Kevin De Bruyne, 34, schnallte sich heute früh wieder die Stutzen von Antonio Contes Napoli um – und der Klub, der ihn für 35 Millionen aus Manchester holte, hielt den Atem an.
Der strafstoß, der alles zerlegte
25. Oktober, San Siro. De Bruyne verwandelt den Elfmeter zur Führung, dreht sich um – und bleibt liegen. Sein rechter Oberschenkelmuskel riss sich vom Knochen weg, ein Bild, das selbst Inter-Anhänger erbleichen ließ. Seither fehlte der Spielmacher, der Napoli in der Champions-League-Gruppenphase noch tragen wollte. Die Operation in Anwers folgte, die Belgier schickten ihren Kapitän anschließend in die Spezialklinik „Kinetic Analysis“, wo er bis vergangene Woche täglich zweimal antrieb. Conte hatte ihn per FaceTime instruiert: „Wenn du zurückkommst, will ich dich nicht bei 80 Prozent, sondern bei 110.“
Das medizinische Zeugnis liegt vor: Muskelkraft rechts 98 % der linken Seite, Sprintwerte nur 3 % unter Vorbaseline. Kein Wunder, dass Conte nach dem 2:0 in Verona sagte: „Er sieht aus, als hätte er nie gefehlt.“ Für Freitag gegen Turin steht der Belgier bereits auf der Vor-Liste. Ob er von Anfang an spielt, entscheidet er selbst – Stammkrafte Anguissa und McTominay müssen ebenfalls ihr Okay geben. Conte aber hat schon gewarnt: „Namen interessieren mich nur auf dem Platz.“

Die fab-four-kehrtwende
Mit De Bruyne kehrt der letzte der vermeintlichen „Fab Four“ zurück, jene Quartetts, mit dem Napoli die Saison als Titelkandidat begann. Anguissa, McTominay, der bereits in Verona 20 Minuten machte, und De Bruyne – dazu Lobotka, der nach Adduktor-Beschwerden ebenfalls wieder läuft. Conte hat plötzlich die Qual der Wahl. Die Statistik spricht für den Belgier: In seinen 42 Einsätzen mit der Himmelblauen gelangen ihm 13 Tore und 18 Vorlagen, eine Quote von 0,74 Scoring-Punkten pro Spiel. Ohne ihn sackte Napoli in der Phase zwischen Oktober und Februar nur 1,6 Punkte pro Partie ein, statt zuvor 2,3.
Die Champions-League-Restprogramm ist eng: Vier Spieltage, Platz fünf, zwei Zähler Rückstand auf Leipzig. Die sportliche Direktion hat intern bereits den Bogen „Endspiel-Kader“ gespannt: De Bruyne plus die beiden Sechser sollen die DNA des Teams wieder auf 4-2-3-1 trimmen, das System, mit dem Napoli in August und September alles weggefegt hatte.

Die frage nach der euphorie-falle
Nur weil der Name De Bruyne auf dem Aufstellungszettel steht, wird das Runde noch nicht automatisch ins Eckige fliegen. Die letzten fünf Spiele ohne ihn endeten dreimal mit einem Tor Unterschied – die Mannschaft lernte, auch ohne Superstar zu punkten. Conte warnte deshalb: „Wir dürfen nicht in die Retro-Euphorie verfallen. Erst rennen, dann reden.“
De Bruyne selbst will nach 18 Monaten ohne Pflichtspiel-Einsatz bei 90 Minuten nicht einmal denken. „Ich bin froh, wenn ich die ersten 30 Minuten überstehe, ohne dass mein Oberschenkel zickt“, sagte er Teamkollegen. Die Zielmarke lautet Viertelfinale der Champions League – und ein Platz unter den Top Vier der Serie A. Die Wettanbieter korrigierten gestern ihre Napoli-Quoten für den Top-Vier-Finish von 3,8 auf 2,4 – der Markt reagiert schneller als manch defensives Mittelfeld.
127 Tage hat der belgische Zauberer gebraucht, um zurückzukehren. Wenn er am Freitabend in Turin aufläuft, werden 65.000 Gäste im Maradona-Stadion wissen: Die Meisterschaft beginnt nicht im Mai, sondern in der 28. Spieltag-Nacht, in der ein einziger Pass die Saison retten kann. Conte wird an der Seitenlinie stehen und wissen: Endlich hat er wieder einen Spieler, der Tore nicht schießt, sondern erfindet.
