Das buch, das deutsche fußballmythen endlich korrigiert

Die 86. Minute von Bern. Fast jeder glaubt zu wissen, was dort passierte. Fast jeder liegt falsch. Als Helmut Rahn das Wunder von 1954 vollbrachte, war die Geschichte für die meisten Fans bereits abgeschlossen – dabei begann in diesem Moment erst ihr gefährlichster Teil. Die Ungarn trafen noch einmal. Oder trafen sie nicht? Alfred Pfaff, damals Ersatzspieler am Spielfeldrand des Wankdorf-Stadions, behauptete zeitlebens, die angebliche Abseitsstellung habe es nie gegeben. Ein Detail, das in keiner Schulstunde des deutschen Fußballs auftaucht.

Was zwischen den großen momenten wirklich geschah

Genau diese Lücken sind das Terrain von Niklas Baumgart. Der kicker-Redakteur legt mit Von Wundern und Weltmeistern: Die elf größten Spiele des deutschen Fußballs sein Autoren-Debüt vor – und es ist kein Nostalgiealbum. Es ist eine Korrektur. Baumgart interessiert sich nicht für die Tore, die ohnehin jeder kennt. Er interessiert sich für das, was davor, dahinter und danach passierte, und dafür, warum die überlieferte Version so oft eine bequeme Vereinfachung ist.

Das Buch spannt einen Bogen von 1954 bis zum Champions-League-Finale 2013 zwischen Bayern München und Borussia Dortmund. Elf Spiele, elf Kapitel, elf Gelegenheiten, die eigene Gewissheit zu erschüttern. Wie entstand die deutsch-niederländische Rivalität wirklich? Durch welche taktische Raffinesse kam Günter Netzer 1972 aus der berühmten Tiefe des Raumes? Und wie herausragend war das Wembley-Finale des deutschen Fußballs wirklich, wenn man es nüchtern betrachtet?

Zeitzeugen, die endlich reden – und einer gibt sogar seine schwalbe zu

Zeitzeugen, die endlich reden – und einer gibt sogar seine schwalbe zu

Sepp Maier benennt die Fehler des Schiedsrichters im Jahrhundertspiel 1970 gegen Italien. Toni Schumacher versetzt sich zurück in die Nacht von Sevilla 1982 – und nicht nur in die Sekunden mit Patrick Battiston, die längst Legende sind. Sami Khedira verrät, was Joachim Löw in der Halbzeitpause beim 7:1 gegen Brasilien tatsächlich sagte. Das sind keine PR-Anekdoten. Das sind die Risse im Lack der offiziellen Erinnerung.

Und dann ist da noch Friedhelm Funkel. Für eine Rückfrage zum Wunder von der Grotenburg war er per WhatsApp erreichbar. Und gab seine Schwalbe einfach zu. So beiläufig, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Manchmal braucht es kein großes Geständnis – manchmal reicht eine Nachricht auf dem Handy, um ein Stück Fußballgeschichte umzuschreiben.

Warum dieses buch jetzt erscheint – und warum das zählt

Warum dieses buch jetzt erscheint – und warum das zählt

Fußballgeschichte verblasst schneller als man denkt. Wer heute zwanzig ist, kennt das Wunder von Bern nur aus Erzählungen, Filmen und Wikipedia-Einträgen – und all diese Quellen wiederholen dieselben Fehler. Baumgarts Buch ist der Versuch, diesem Verfall etwas entgegenzusetzen: keine romantisierte Heldengeschichte, sondern ein dokumentiertes Gedächtnis mit Ecken, Widersprüchen und menschlichen Momenten.

Ab dem 27. März 2025 ist das Buch in vielen Buchhandlungen erhältlich, bereits jetzt bei Ullstein und Amazon. Wer wartet, riskiert, dass ihm jemand anderes wieder eine vereinfachte Version erzählt. Und die hat, wie Bern 1954 beweist, einen Haken.