Cortina d'ampezzo 2026: 612 athleten aus 56 nationen brechen alle rekorde

Vor 50 Jahren zogen 250 Sportler durch Örnsköldsvik, heute rollt ein rollstuhlgereicher Tsunami über die Alpen. 612 Athleten, 56 Länder, fünf Debütanten – die Paralympischen Winterspiele in Cortina d'Ampezzo beginnen als das größte Fest der behinderten Wintersportler, das je auf Schnee stattfand.

Ipc-chef parsons verspricht „sport, der das leben verändert“

Andrew Parsons braucht keine PowerPoint, er hat Zahlen, die schreien. 48 zusätzliche Startplätze gegenüber Pyeongchang 2018, 24 mehr Frauen als vor vier Jahren in Peking, ein Plus von 17 Prozent. „Wir feiern den 50. Geburtstag mit einem Knall“, sagte der IPC-Präsident gestern in Cortina und klang dabei wie ein Ringmeister, der weiß, dass seine Artisten die Arena in Trümmer legen werden. „Weltklassesport, der sie überraschen wird“ – eine Drohung mit Kusshand.

Die italienischen Veranstalter haben sich nicht mit Gimmicks zufriedengegeben. Die Wettkämpfe verteilen sich auf drei Locations: Mailand liefert die Medieninfrastruktur, Cortina liefert die Postkartenkulisse, Tesero im Trentino liefert die Langlaufloipe, die so schnell ist, dass selbst die Skirollen glühen. Drei Stunden Autofahren zwischen den Arenen – ein Handicap für Journalisten, ein Bonus für die Athleten, die endlich mal nicht im Olympiadorf feststecken.

El salvador, haiti, montenegro – die neuen kinder auf der piste

El salvador, haiti, montenegro – die neuen kinder auf der piste

Keiner redet mehr über „Entwicklungsländer“, man redet über Entwicklungsgeschwindigkeit. El Salvador schickt einen Skifahrer, der erst vor drei Jahren das erste Mal Schnee berührte. Haiti meldet einen Sit-Skier, der in den französischen Alpen trainiert und jetzt gegen seine ehemaligen Kollegen fährt. Montenegro schickt eine Biathletin, die im Sommer als Zahnarzthelferin arbeitet und im Winter auf 180 Schläge pro Stunde kommt. Ihre Geschichte ist so wild, dass Netflix bereits eine Dokumentation dreht.

Die deutsche Delegation reist mit 34 Athleten an, die meisten von ihnen starten in Eishockey und Biathlon. Bundestrainer Christian Jörg verspricht „mindestens zwölf Medaillen“, was bei 78 deutschen Starts kein Wunder wäre. Die große Unbekannte heißt Anna-Lena Forster, die nach ihrer Knie-OP im vergangenen Jahr mit neuer Sitzposition und neuen Skiern angreift. „Wenn sie fährt, glaubt man, die Piste wäre schief“, sagt Jörg und meint das als Kompliment.

50 Jahre nach Örnsköldsvik: Die Revolution ist längst Alltag1976 gab es keine Live-Übertragung, 2026 gibt es 4K-Streams auf TikTok. Damals zogen Holzprothesen über das Eis, heute flitzen Carbon-Exoskelette mit 90 km/h den Berg hinunter. Die Paralympics haben sich von einem Wohltätigkeitslauf zu einem Business mit 350 Millionen TV-Zuschauern gemausert. Der IOC-Pakt von 2001, der die Organisation den IPC überließ, gilt heute als das klügste Zugeständnis des olympischen Komitees – weil es jünger, schneller, emotionaler ist als jede Olympia-Show.

Cortina wird zeigen, dass Behinderung längst kein Mitleid mehr erzeugt, sondern Respekt. Die Quoten sind gebrochen, die Geschichten sind gebrochen, die Rekorde sind gebrochen. Wer nach zwei Wochen noch dieselbe Vorstellung von Leistungssport hat, war einfach nicht dabei. Die Spiele beginnen am Samstag mit einer Eröffnungsfeier, die laut Prognose 1,2 Millionen Zuschauer vor die Bildschirame spült. Und am 18. März, wenn die letzte Medaille vergeben ist, wird klar sein: Der Sport hat sich verändert – und wir mit ihm.