Collina packt aus: neue regeln sollen zeitspiel stoppen – 'wir wollen spieler überzeugen, nicht bestrafen'
Pierluigi Collina schlägt zurück. Der FIFA-Schiedsrichter-Chef legt in einem Interview mit der italienischen Sportzeitung „Gazzetta dello Sport“ offen, warum die neue Anti-Zeitspiel-Offensive der IFAB kein populistischer Schnellschuss ist, sondern eine logische Konsequenz aus Jahren zermürbender Spielunterbrechungen. „Wir wollen Spieler nicht bestrafen, sondern sie überzeugen, dass es sich nicht lohnt, Zeit zu schinden“, sagt der 63-Jährige mit der markanten Glatze.
Die 8-sekunden-regel war erst der anfang
Bereits in der letzten Saison testete das FIFA-Referee-Committee die Acht-Sekunden-Regel für Torhüter. Ergebnis: Fast kein Keeper schlug mehr übertrieben lang das Spielgerät weg. Collina zieht Bilanz: „Die Abschreckung funktioniert. Die Zahl der Eckbälle, die wir wegen Zeitspiels gaben, war minimal.“ Nun zieht die IFAB den nächsten Zahn: Ab Sommer gilt ein dynamischer Fünf-Sekunden-Countdown für Einwürfe und Freistöße. Der Unterschied: Die Uhr startet nicht automatisch, sondern wenn der Schiri den Eindruck hat, dass ein Spieler absichtlich zögert.
Die Begründung liefert Collina mit Zahlen. In der MLS, in der ein vergleichbares System bereits läuft, sank die durchschnittliche Verletzungsunterbrechung von vier Minuten pro Spiel auf unter 90 Sekunden. „Das wirkt sich direkt auf die Fitness der Spieler aus. Weniger Unterbrechungen bedeuten mehr Tempo, mehr Laufleistung, mehr Show“, sagt er.

Schwalben und taktikfouls bekommen ein ablaufdatum
Ein weiterer Kernpunkt: das sogenannte „Tactical Injury Timeout“. Wer nach einem Sanitäter-Einsatz für 60 Sekunden vom Platz muss, darf erst nach Ablauf der Zeit zurück. „Der Spieler erholt sich besser, und wir verhindern Schwalben“, sagt Collina. Bei der Arab Cup 2025 brachte die Maßnahme den Median der medizinischen Unterbrechungen pro Halbzeit von 4,5 auf 1,2 – ein Rückgang um 73 Prozent.
Doch warum erst jetzt? Collina räumt ein, dass internationale Komitees lange zögerten, weil sie befürchteten, die Autorität der Unparteilichen zu untergraben. „Die Technik war 2016 noch unausgereift, heute haben wir Erfahrungswerte.“ Ein Beispiel: Zweite Gelbe Karten, die per VAR revidiert werden können. „Die Fehlentscheidung gegen Japan in der Katar-WM hätte verhindert werden können, wäre diese Regel damals schon da gewesen“, sagt er ohne den Namen von Maya Yoshida zu nennen, den es in der 89. Minute traf.

Der eckball-korrektur kommt – und bringt zündstoff
Collina kämpft seit Jahren dafür, dass falsche Eckbälle per VAR korrigiert werden können. „Warum sollte man zusehen, wie ein Tor fällt, das eigentlich nie hätte stattfinden dürfen?“ Die Argumentation ist einfach: Ein Eckball ist ein Spielaufbau wie jeder andere auch. Wenn die Seitenlinie falsch liegt, verzerrt das die komplette taktische Ausgangslage. Kritiker wittern Zeitverlust. Collina kontert: „Die Korrektur dauert maximal acht Sekunden, weil die TV-Bilder sofort vorliegen.“
Der IFAB-Kongress im April in Vancouver wird voraussichtlich grünes Licht geben. Dann wird auch das letzte Hemd vor dem Mund verboten. „Wer sich im Streit versteckt, hat was zu verbergen. Das Bild wollen wir nicht länger“, sagt Collina mit eisernem Blick. Die Botschaft ist klar: Fairness ist kein Lippenbekenntnis mehr, sondern ein technisch überwachter Befehl.

Der countdown läuft – auch für die profis
Collina will keine Gnade walten lassen. „Wer bislang dachte, Regeln seien Spielzeug für Amateure, wird merken, dass der Profifußball keine Insel mehr ist.“ Die Testphase läuft bis Ende 2025, dann entscheidet der IFAB über die endgültige Einführung in allen Ligen. Bis dahin bleibt wenig Raum für Kreativität am Spielfeldrand. Die Uhr tickt – und zwar für alle.
