Coldebella kehrt als feind zurück: „ich jage den titel, den ich als spieler verpasste“
Claudio Coldebella betritt heute Abend die Mediolanum Forum-Halle – nicht in den Farben von Olimpia Mailand, sondern als General Manager des Maccabi Tel Aviv. Der Mann, der hier einst drei Scudetti feierte, kommt als Gegner, um den Klub zu schlagen, für den er 111-mal die italienische Nationalmannschaft repräsentierte. „Ich jage die EuroLeague, die ich als Spieler nie gewann“, sagt er knapp. Die Ironie: Er verfolgt den Pokal, den er als Aktiver nur einmal anfasste – im verlorenen Finale 2001 –, nun aus dem Büro am Strand von Tel Aviv.
Belgrad ist kein zufluchtsort, sondern eine zwischenstation
Seit dem 27. Dezember lebt der 56-Jährige mit Frau und zwei Töchtern in einem Apartment in der serbischen Hauptstadt. Klingt nach Exil, ist aber Taktik. Der israelische Ligabetrieb ruht, die EuroLeague läuft weiter. Belgrad bietet kurze Flüge, neutrale Böden und ein Publikum, das Kriegsflüchtlinge versteht. „Die Serben wissen, was es heißt, aus dem eigenen Wohnzimmer vertrieben zu werden. Sie öffnen Clubs und Küchen, nicht nur Stadien“, erzählt Coldebella. Die Familie hat Alltag konstruiert: Deutsche Schule, morgendlicher Kaffee an der Ada Ciganlija, abends Videoanalyse statt Fernsehen. Die Sirene, die sie in Tel Aviv nur einmal hörten, wurde durch den Lärm eines Balkan-Derbys ersetzt.
Die Zahlen sprechen für sich: 26 Siege in 31 Spielen seit Mitte Dezember, darunter zehn EuroLeague-Erfolge. Ohne Heimrecht wäre Maccabi laut Regular-Season-Statistik ein Playoff-Kandidat. Mit Heimrecht ein Titelanwärter. Doch das „Heim“ ist zurzeit ein Leihplatz in Belgrad. „Unser DNA ist Siegen, aber Siegen braucht Publikum wie ein Virus Wirtszellen“, sagt Coldebella. Die Leere der Halle frisst Energie, selbst wenn 500 israelische Fans mit Flaggen einfliegen.

Italiens zukunft heißt nba europe – und coldebella will dabei sein
Die Frage nach dem danach stellt sich nicht erst seit gestern. Coldebellas Vertrag läuft noch drei Jahre. Dennoch redet er offen über den neuen Kontinent, den die NBA vor der Haustür baut. „NBA Europe wird nicht nur ein Turnier, sondern ein Ökosystem. Wir werden sehen, ob italienische Klube kapitulieren oder mitspielen“, sagt er. Sein eigener Klub habe bereits Scouts in Berlin und London stationiert. Das Maccabi-Modell – hebräische Spieler fördern, internationale Stars kaufen – könnte auf Mailand oder Bologna übertragbar sein. „Ich bin neugierig, nicht nur nostalgisch“, betont er. Die Vergangenheit bei Virtus und Olimpia sei kein Spiegel, sondern eine Schießscheibe: „Wenn ich zurückkomme, will ich nicht kopieren, sondern revolutionieren.“
Heute Nacht trifft diese Neugier auf alte Liebe. Olimpia-Coach Messina war sein Mentor, die Fans werden ihn feiern und dann sofort verfluchen, sobald Scottie Wilbekin den ersten Dreier trifft. Coldebella lacht: „Ich kenne jeden Kaugummi-Automaten in der Halle, aber ich kenne auch die Schwächen der Rechnungsabteilung. Wissen ist Macht – und Macht ist ein foulreicher Center.“
Am Ende bleibt eine einfache Rechnung: Gewinnt Maccabi, rückt der Traum vom Titel näher. Verliert es, könnte der Druck in Belgrad unerträglich werden. Coldebella zuckt mit den Schultern: „Wir sind ein Volk, das 3000 Jahre lang überlebt hat, weil es gelernt hat, Druck zu lieben.“ Er verlässt das Interview mit einem Satz, der wie ein Spielzug klingt: „Wenn wir gewinnen, ist es kein Wunder – wenn wir verlieren, ist es eine Katastrophe. Genau diese Katastrophen machen uns stärker.“ Keine Rhetorik, nur Realität. In der EuroLeague zählt nicht die Flagge, sondern der Buzzer.
