Chemie leipzig entfesselt: drama, elfmeter, sieg – und die kurve endlich gekriegt

27 Jahre hat es gedauert, bis BSG Chemie Leipzig wieder so laut wurde. Im 15. Mal in Folge ausverkauften Alfred-Kunze-Sportpark schlug die Uhr 90+6, Rudolf Sanin zog aus 24 Metern ab, und der Ball zischte zum 2:1 gegen den formstarken Chemnitzer FC ins Netz. Mit diesem Schuss holt Alexander Schmidt als Neu-Trainer den ersten Dreier des Jahres – und wirft der abstiegsbedrohten Mannschaft eine Schippe Selbstvertrauen zu, die in Erfurt gleich die nächste Prüfung wird.

Neue rollen, neues tempo

Was anders läuft? Schmidt hat endlich Personalmassen. Vier Langzeitverletzte fehlen, doch ehemalige Stammkräfte rutschten auf die Bank – oder wie Tim Kießling raus aus dem Kader. Dafür rückte Fynn Seidel eine Linie zurück, Valon Aliji wurde zum Libero mit Ballverteilung, und Maxime Langner durfte nach monatelanger Fitnessmisere von Beginn an spielen. Die Statik des Spiels änderte sich schlagartig: weniger Schlagen, mehr Kombination, mehr Druck auf die Chemnitzer Defensive.

Die Kurve bekam die Mannschaft auch verbal eingebrockt. Schmidt forderte „zehn Prozent mehr“ – und kassierte prompt eine Riesenportion Gegenwehr. Die Top-Torjäger der Liga hatten plötzlich keinen Platz mehr, weil Seidel, Langner und Kay Seidemann jeden Zweikampf anfuhren. Die Südkurve antwortete mit einem Schwall aus Gesängen, der selbst alte DDR-Kicker verstummen ließ.

Eigentor, verschossene chancen, elfmeter – und dann der hammer

Eigentor, verschossene chancen, elfmeter – und dann der hammer

Das Spiel hatte alles: Julian Bell traf ins eigene Tor, Stanley Ratifo vergab drei Hochkaräter. Doch dann der Moment, der die Saison vielleicht wendet. Janik Mäder, sonst siebenmal siebenmal vom Punkt, überließ Ratifo den Ball – und der traf zum 1:1. Sein zehnter Saisontreffer, aber erstmals mit Danke statt Frust im Gesicht.

Die Entscheidung folgte aus dem Nichts. Sanin, eigentlich Vertreter für den gesperrten Lorenz Hollenbach, zog ab – und traf. 27 Jahre nach dem letzten Sieg gegen Rot-Weiß Erfurt schreibt nun ein 25-Jähriger die nächste Fußnote. „Wir nehmen alles mit“, sagt er, „Kampf, Selbstvertrauen, spielerische Lösungen.“

Erfurt wartet – und die zahlen sprechen

Erfurt wartet – und die zahlen sprechen

Am Sonntag geht’s nach Thüringen. Erfurt kassierte in den letzten fünf Heimspielen nur ein Gegentor, domt Chemie seit 1998 sieglos. Die Leipziger haben dagegen vier Auswärtsniederlagen in Serie gestoppt, bevor sie überhaupt die Kabine verließen. Der Sieg gegen Chemnitz war nicht nur psychologisch Gold wert, sondern katapultiert die Mannschaft auf Relegationsplatz 15 – noch zwei Punkte hinter Rang 13, aber mit einem Spiel weniger.

Die Fans singen bereits von der Rettung, doch Schmidt warnt: „Ein Spiel heilt keine Saison.“ Trotzdem: Wer nach 96 Minuten Drama, Eigentor, Elfmeter und Siegtreffer nicht an Wunder glaubt, war nie in Leipzig-Leutzsch. Das nächste Kapitel steht am Sonntag bereit – und es ist längst kein Thriller mehr, sondern ein Krimi, den sich Chemie selbst erfindet.