Caruso packt aus: so fühlte sich an, den letzten italiener zu schlagen, der sinner stoppte
Es ist das Match, das Salvatore „Sabbo“ Caruso in jeder Tennis-Bar sofort gratis Kaffee einbringen würde: 20. August 2020, Cincinnati-Quali auf dem US-Open-Gelände, 5:7, 6:2, 6:2 gegen Jannik Sinner. Seitdem hat der Südtiroler 19 italienische Derby in Serie gewonnen – und Caruso ist noch immer der Letzte, der ihn schlug.
„Als ich den rekord hörte, dachte ich: echt jetzt?“
Die Szene spielt sich beim Challenger von Todi ab, Sommer 2023. Ein Kollege reicht ihm das Handy, Statistik-App aufgedreht. „Du bist der letzte Italiener, der gegen Sinner gewonnen hat.“ Caruso lacht, zuckt mit den Schulen. „Ich schaue nie auf Zahlen, aber plötzlich wird dir klar: Okay, offenbar war das historisch.“ Historisch ist untertrieben. Sinner hat seitdem 19 Landsmänner hintereinander weggefegt, zuletzt Luciano Darderi in Rom. Für Caruso ein Grund, beim nächsten Mal lautstark mitzujubeln: „Wenn Jannik gegen einen Italiener spielt, bin ich klar Partei für ihn.“
Der 31-jährige Syrakuser schwelgt nicht nur in Erinnerungen. Er erzählt, wie Sinner damals schon die Ballbeschleunigung eines Formel-1-Boliden hatte, aber zwischendurch noch die Kurve verpasste. „Ich hab auf seine mentale Seite gedrückt, das war meine Waffe.“ Nach dem Match ahnte er sofort: „In sechs Monaten kann ich mit dem nicht mehr mithalten.“ Drei Monate später gewann Sinner in Sofia seinen ersten ATP-Titel – Caruso war dabei, filmte im Training heimlich ein paar Rallyes. „Die Clips hab ich noch, Instagram-tauglich, aber ich behalte sie für mich. So eine Ballgeschwindigkeit bekommt man nicht alle Tage in 240 fps.“

Das erste treffen: como 2018, er 17, „immer allein mit seinem team“
Caruso gewinnt den Challenger, Sinner ist Wildcard-Gast. „Die meisten Kids quatschen bis drei Uhr nachts, tauschen Pokémon-Karten. Jannik saht immer abseits, hat Analysen geschrieben, wie ein Praktikant im NASA-Labor.“ Eine Woche später spielen sie in Genua Doppel – Aufschlag Caruso, Return Sinner, 6:1 im ersten Satz, raus im zweiten. „Mein Vater ruft an: ‚Warum spielst du mit dem Kind?‘ Ich so: Papa, der wird richtig groß.‘ Heute lachen wir darüber, weil es die Understatement des Jahrzehnts war.“
Ob er Sinner so dominant erwartete? „Top Ten, vielleicht Top Five, klar. Aber diese Zerberus-Phase, in der er jeden mit 6:2, 6:3 wegpustet? Niemand sah das kommen. Er sagt nach jedem Match, er müsse noch besser werden – und meint es. Genau das macht ihn unerreichbar.“

Der italische fluch: sinner gewinnt derby schon in der umkleide
Caruso kennt die Mentalität. „Wenn die Jungs im Tunnel stehen und sein Gesicht sehen, denken sie: Was soll ich da bitte machen?‘ Rublev in Rom war das perfekte Beispiel. Normalerweise sprengt er Schläger, brüllt, wird zur Hyäne. Gegen Jannik guckt er nur noch: Okay, Showdown gegen einen Wall.‘ So wie früher Nadal in Paris – zwei Sätze waren vor dem Aufschlag schon verloren.“
Damals, Roland Garros 2019, spürt Caruso selbst die Djokovic-Force. Dritte Runde, Court Philippe Chatrier. „Novak zwingt dich, jede Kugel auf die Linie zu setzen. Sonst kommt sie zurück – und du bist geliefert.“ Sinner funktioniere anders: „Er drischt dir einfach die Lederwatte um die Ohren, du siehst den Ball nicht mal. Genauso ging es mir 2019 in Sevilla gegen einen 16-jährigen Carlos Alcaraz. Ich liege 4:6, 2:5 zurück, gewinne irgendwie – danach fragt Ferrero: Na, wie ist er?‘ Ich: Macht schon Angst.‘“

Vom tennisprofi zum rennrad-junkie und babypapa
Caruso ist seit zwölf Monaten im Ruhestand. Sein Tagespensum: Sky-Kommentar, Coaching des Romer Talents Massimo Giunta, 30 Kilometer Rad rauf und runter. „Ich habe 6.000 Euro für ein Carbon-Bike ausgegeben, nachdem ich früher über Radsport-Fans nur den Kopf schüttelte. Jetzt sitze ich jeden Abend am Giro, rechne Bergwerte aus wie früher Tiebreak-Statistiken.“
Im Juli wird er zum ersten Mal Vater, Sohn Enrico. „Er soll machen, was er will. Aber wenn ich im Oktober für TSV Pelkum in der Serie A auflaufe, sitzt er am Spielfeldrand – genau wie ich früher bei meinem Coach Paolo, als wir in Barcelona gewannen. Der längste Kusser der Karriere, drei Minuten, keine Sekunde weniger.“
Und wer wird in Paris auf dem Thron sitzen? „Sinner. Ich trinke meinen Espresso, schalte Sky ein und freue mich, dass ich ihn damals wenigstens einmal besiegt habe – bevor er zur Legende wurde.“
