Carragher explodiert: „wenn so ein finale entschieden wird, ist es ein schandfleck“
Jamie Carragher hat nach dem 1:1 zwischen Arsenal und Atlético Madrid die UEFA mit einer Wutrede attackiert, die selbst bei CBS Sports die Tonspur kurz zum Übersteuern brachte. Der ehemalige Liverpool-Profi sieht die Champions League durch willkürliche Handspiel-Regelauslegung auf dem Weg ins Belanglosigkeits-Nirwana – und nennt ein mögliches Endspiel in Budapest einen „Schandfleck“, sollte es durch Elfmeter wie den an Ben White entschieden werden.
Der moment, der carragher zum kochen brachte
Es war die 68. Minute im Estadio Cívitas Metropolitano. Ein Schuss von Rodrigo de Paul prallte gegen das eingesprungene Bein von Ben White, sprang von dort locker in den Oberarm – keinerlei Abwehrbewegung, keine Arm-Expansion, keine Absicht. Schiedsrichter Slavko Vinčić zeigte sofort auf den Punkt, VAR-Boss Marco Fritz schaltete sich nicht ein. Atlético glich durch Julián Álvarez zum 1:1 aus, Viktor Gyökeres hatte zuvor den Foulelfmeter versenkt. Die Bühne war bereitet für Carraghers Tirade.
„Was soll White denn machen? Er fällt hin, um den Schuss zu blockieren, der Ball springt hoch, trifft ihn an den Arm – und wir belohnen das mit Elfmeter? Das ist keine Taktik, das ist Physik!“, schrie der 46-Jährige in die Kamera. Sein Kollege Thierry Henry versuchte zu beruhigen, verstummte aber, als Carragher weitermachte: „Wenn in Budapest jemand die Trophäe wegen so einer Szene gewinnt, ist das ein Schandfleck für die gesamte Champions League.“

Die regel, die keiner versteht – und die alle spieler ärgert
Seit der Saison 2021/22 lautet die UEFA-Vorschrift: Trifft der Ball zuerst einen anderen Körperteil des Spielers und anschließend die Hand, ist kein Elfmeter zu geben – es sei denn, der Arm ist klar über Schulterhöhe oder wird zur Körpervergrößerung eingesetzt. Genau diese Klausel ignorierte Vinčiico. Auch Fritz im Kölner Keller ließ laufen. Carragher: „Wir erziehen Verteidiger dazu, sich zu werfen, wir bestrafen sie dann aber dafür, dass der Ball nach dem Block nach oben springt. Das ist schizophren.“
Die Statistik liefert ihm recht. In dieser K.o.-Phase fielen bereits acht Handelfmeter – so viele wie noch nie nach nur 28 Spielen. Betroffen: Paris (gegen Bayern), Arsenal (gegen Atlético), Dortmund (geben Barça) und Milan (gegen Liverpool). Alle Entscheidungen nach Ball-Körper-Arm-Kontakt, alle gepfiffen, alle bestätigt.

Arsenal mit vorteil – aber zu welchem preis?
Mikkel Arteta kann mit dem Auswärtstor leben, doch die Stimmung im Lager der Gunners ist längst nicht so entspannt, wie das Ergebnis vermuten lässt. Kapitän Martin Ødegaard sagte nach der Parti: „Wir wissen, dass wir umschalten müssen, aber diese Regelauslegung frisst Energie.“ Atlético-Coach Diego Simeone konterte mit einem schiefen Grinsen: „Wir haben den Elfmeter bekommen, weil die Regel so ist. Ich habe sie nicht geschrieben.“
Die UEFA drückt sich bislang vor einer Stellungnahme. Intern ist man sich einig, dass man die Handspiel-Debatte nicht mit zusätzlichen Pressemitteilungen anheizen will – man habe „genug geredet“, heißt es in Nyon. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Seit Einführung des VAR 2019 stiegen die Handelfmeter in der K.o.-Phase um 42 %, die durchschnittliche Spielunterbrechung wegen VAR-Checks auf 97 Sekunden.

Carraghers lösung – und warum sie sofort kommen muss
Sein Vorschlag ist simpler als jede Regelkommission: „Ball trifft zuerst Bein, dann Arm? Kein Elfmeter. Punkt. Wir brauchen kein Raketenwissenschaftler, wir brauchen gesunden Menschenverstand.“ Experten wie Urs Meier und Pierluigi Collina haben Ähnliches gefordert, doch das IFAB verharrt in halbjährlichen Testspiel-Phasen. Zeit ist knapp: Das Rückspiel im Emirates findet am 7. Mai statt, das Finale in Budapest ist am 30. Mai. Sollte sich eine Entscheidung wie in Madrid wiederholen, steht die Champions League vor ihrer größten Glaubwürdigkeitskrise seit dem Skandal von 2004.
Für Carragher ist klar:„Wir können nicht jedes Jahr Milliarden für Übertragungsrechte kassieren und dann Spiele mit Gesetzen aus der Grundschule entscheiden.“ Ob die UEFA rechtzeitig reagiert? Die Uhr tickt. Die Spieler beschweren sich lautlos, die Fans buhen lautstark. Und irgendwo in London und Madrid trainieren gerade Verteidiger, wie man sich absichtlich nicht mehr wirft – weil der Strafraum längst kein Fußballplatz mehr ist, sondern ein Glücksrad.
