Carbone packt aus: «ich ging zu früh – heute träume ich mit den kids von der final-four»
Benito Carbone wartet auf den Flur von Appiano Gentile mit verschränkten Armen. Hinter ihm flimmert die Anzeigetafel: Inter U19 – Benfica, morgen, Einzelfinale um den Einzug in die Youth-League-Final-Four. Der 54-Jährige redet nicht über Taktik, er redet über sich. Über den Fehler, der sein Leben veränderte.
Der abbruch, der nie verheilte
«Ich war 25, wollte unbedingt spielen, habe nicht sechs Monate gewartet», sagt er. Dann kam Roy Hodgson, stellte ihn einmal neben den Platz. «Wenn ich geblieben wäre, wäre Lippi gekommen, dann Ronaldo. Alles anders.» Stattdessen landete er in Sheffield, wo ihm Paolo Di Canio das Leben rettete – privat wie sportlich. «Unser Blick reichte. Wir haben den Wednesday vor dem Abstieg bewahrt, das war unser Scudetto.»
36 Treffer in der Premier League, nur Zola und Di Canio trafen öfter. Doch die Trophäe blieb aus. «Villa, FA-Cup-Finale 2000, Shearer und ich als Topschützen. Danach sagte ich Nein zu vier Jahren und Ja zu Trapattoni und Batistuta. Ich wollte die Familie nach Hause bringen.» Die Fiorentina wurde zum Albtraum, Bradford zur Kaserne. «15 Tage Marine-Training, kalte Duschen, Plastikbomben. Den Ball habe ich erst wieder gesehen, als ich ihn im Strafraum versenkt habe.»

Die mutprobe von heute heißt benfica
Die portugiesischen Junioren gelten als Mini-Variations-Monster, fünf, sechs Jungs bereit für die A-Nationalmannschaft. Carbone lacht. «Das sagten sie auch über Betis. Wir spielten offen und gingen weiter.» Sein Geheimnis: keine Angst vor Talent. «In Italien reden alle vom Niedergang. Quatsch. Die Kids sind da, wir müssen sie nur spielen lassen. Bei Inter haben wir den Mut.»
Der Klub setzt auf U23 und Primavera, statt Talente bis Acireale zu verleihen. «Der Besitzer will das, wir Trainer auch. Wer Inter trägt, soll Inter auch spüren.» Carbone selbst trägt seit 50 Jahren dieselbe Jacke: Calabria-Stoff, mit ein bisschen Scanno-Nähten. «Meine Mutter verkaufte Öl, sechs Kinder, keine Zeit für Angst. Diego und Matthäus hatten das Trikot vor mir getragen. Ich habe nur getreten.»

Warum wir keine zehner mehr züchten
Er sieht die Systemfrage offen. «Jahrelang wollten Trainer in den Jugendlagern beweisen, wie taktisch brillant sie sind. Dabei ging es nie um sie, sondern um den Jungen mit dem Ball.» Heute darf wieder getrickst werden. «Wenn du einen 16-Jährigen fragen willst, ob er lieber dribbelt oder abschirmt, guck dir an, was er im ersten Training macht, wenn keiner schaut.»
Einzig die Nazionale blieb ihm versagt. «U21 gewonnen, Halbfinale gegen Zidane, Elfmeter verwandelt. Aber vorne standen Baggio, Zola, Mancini, hinten kamen Totti und Del Piero. Ich war in England, außer Sichtweite.» Die Lösung? «Hätte ich bei Inter gewartet, wäre ich vielleicht nie gegangen.»
Morgen also Benfica. Carbone schickt seine Startelf auf den Rasen, mit dem Befehl: «Traut euch, verdammt.» Er selbst traut sich seit 30 Jahren dieselbe Antwort auf die Frage, was er bereut. «Nichts. Außer vielleicht, dass ich nicht noch einmal mit Ronaldo im Sturm stand.» Dann dreht er sich um, schreitet durch den Flur, vorbei an den Fotos von Eto’o, Zanetti, Milito. Ein Bild fehlt: Carbone und Ronaldo, gemeinsam im Mailänder Nebel. Stattdessen hängt morgen vielleicht ein Foto von ihm und seinen Kids – im Nyon-Finals-Trikot. «Das würde reichen», sagt er. «Dann ist der Kreis endlich geschlossen.»
