Bob vor dem aus: 100-millionen-eiskanäle und das ende eines milliardenschweren rummels

Die nächste Jahrhundertfrage für Olympia steht nicht im Stadion, sondern in einem Rohr aus Beton und Eis: Zahlt sich ein Sport aus, der pro Wettkampftag 100 Millionen Euro Baukosten versenkt und danach Jahr für Jahr Millionengräber gärt?

Die Antwort kommt am 24. Juni in Lausanne. Dann legt die IOC-Arbeitsgruppe „Olympisches Sportprogramm“ ihre Karten auf den Tisch – und der Bob, Rodeln und Skeleton könnten aus dem Katalog fliegen. Grund: zu teuer, zu elitär, zu klimaschädlich.

Die rechnung geht nicht mehr auf

Die Zahlen sind gnadenlos. Eine neue Eisbahn kostet rund 100 Millionen Euro, die gigantische Anlage von Yanqing verschluckte mindestens eine halbe Milliarde. Was bleibt, sind Betonruinen in Turin, Nagano, Calgary und Sarajevo – stillgelegt, verrostet, für den Steuerzahler ein Albtraum. Selbst frisch gebaute Bahnen wie in Cortina d’Ampezzo zeigen Risse: Nach nur einem Winter müssen 1,1 Millionen Euro pro Jahr nur für den Betrieb her, zusätzlich stehen erstmal eine Million Euro für akute Reparaturen an.

IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hat die Frage aufgeworfen: „Wie global, wie fair, wie zugänglich ist diese Sportart?“ Bei Bob, Rodeln und Skeleton lautet die Antwort: gar nicht. Deutschland dominiert mit High-Tech-Schlitten, die sich in Windkanälen verfeinern lassen; Entwicklungsbudgets im siebenstelligen Bereich sind normal. Der Rest der Welt schaut zu – oder fährt nicht mit.

Einheitsbob statt milliarden-technik

Einheitsbob statt milliarden-technik

Die Rettung könnte ein Kasten aus Aluminium sein, den jeder Athlet vor Ort mietet. Die IBSF bestätigt, über „standardisierte Sportgeräte“ zu sprechen. Der Monobob der Frauen zeigt, wie es geht: identische Schlitten, Entscheidung durch Können, nicht durch Konto. Thomas Schwab, Chef des deutschen Bob- und Schlittenverbandes, nennt ein Szenario: „Einheitsrahmen stehen in der Bahn, nur den Rest bringt jeder mit.“ Transportkosten weg, Entwicklungswettlauf gestoppt, Chancengleichheit hergestellt.

Noch radikaler ist das Modell St. Moritz. Dort entsteht jedes Jahr aufs Neue die einzige Natureisbahn der Welt – für 770 000 Euro, Instandhaltung inklusive. Kein Beton, kein Kühlwerk, keine Millionengräber. Transportable Kühlmatten könnten das Prinzip in andere kalte Regionen tragen – Olympia ohne Eiskanal, aber mit echtem Eis.

Die Uhr tickt. Ohne Eiskanal-Sportarten hätte Deutschland in Mailand/Cortina statt 26 nur sieben Medaillen geholt. Für den Verband wäre das ein finanzielles Desaster, denn viele Bundesländer fördern nur, wenn olympisches Gold drinsteckt. Doch das IOC spielt nicht mehr nur mit Medaillen, sondern mit Milliarden – und mit dem Klima. Wer 100 Millionen für drei Minuten Rodeln zahlt, muss sich fragen lassen, ob das Spiel noch stimmt.

Am Ende bleibt eine simple Erkenntnis: Ein Sport, der sich seine Athleten aussucht nach dem Prinzip „Wer zahlt, fährt“, hat in der neuen Olympia-Ära keine Zukunft. Die Zeit der Betonkatedralen ist vorbei – oder der Bob verschwindet einfach im Schmelzwasser.