Bettini packt aus: so gewann er die verflixte sanremo – und warum van der poel jetzt zieht

Paolo Bettini spricht mit verschütteter Seele über den Tag, an dem er seine 296 km lange Geisel endlich befreite. 2003, Via Roma, nach elf gescheiterten Anläufen. «Ich hatte schon aufgegeben, zwischen Cipressa und Poggio. Dann sagte der Gerva: Die anderen sind am Ende.»

Der Gerva, das ist Luca Paolini, heute Co-Sportdirektor, damals Mitbewohner im Monte-Carlo-Appartement. Die beiden kannten jede Schlagloch-Position auf der Aurelia, fuhren schon im Dezember die Höhenprofile auswendig. «Wir haben die Strecke studiert wie Feinde, die jeden Nachtangriff planen», lacht Bettini, zieht aber sofort die Maske des Taktikers hoch: «Das rettet dir kein Bein, wenn du an Tag X keine Antwort auf Pogacar hast.»

Warum pogacar trotz monsterform noch ohne trophäe bleibt

Der Slowene spaziert durchs Frühjahr, schreddert Strade Bianche, aber an diesem Samstag wird er wieder aufwachen und wissen: Hier kann ich verlieren. «Er will alle Monumenten, kapiert aber nicht, dass Sanremo keine Powerpoint-Präsentation ist», sagt Bettini. «Er braucht Regen, Wind, eine schlechte Fernsehkamera – und trotzdem noch 25 km, nachdem er weg ist.»

Die Rechnung ist einfach: Wer auf der Cipressa früh springt, darf sich auf der Via Roma nicht mehr erholen. Pantani schaffte das 1994, Bugno 1990. «Pogacar kann es, aber er braucht eine kranke Version der Jagd.»

Van der poel spielt katze, alle anderen sind mäuse

Van der poel spielt katze, alle anderen sind mäuse

Mathieu van der Poel habe 2023 genau das gemacht, was früher nur Eddy Merckx erlaubt war: «Er kontrollierte das Rennen vom Vorderrad.» Bettini schmunzelt, dann kommt der Stich: «Er ist fast allein seine Mannschaft. Wenn er in Topform ist, kann ihn nur noch ein Wunder stoppen – oder ein Massensprint mit 60 Mann.»

Seine Favoriten-Liste liest sich wie ein Verhörprotokoll: Van der Poel, weil er Pogacars Rad hält. Pogacar, weil er Van der Poel abschütteln kann. Ganna, «aus Respekt vor seinen Podestplätzen». Milan, «falls es läuft», und Philipsen, «weil er Philipsen ist». Keine Sentiments, nur Zahlen.

Die große verschiebung, die niemand merkt

Die große verschiebung, die niemand merkt

Früher war man mit 28 ein Ausnahmetalent, heute ist man mit 24 schon übers Datum. «Wir haben 19-Jährige, die noch keinen Winterregen gesehen haben, aber schon einen Zweijahresvertrag unterschrieben», wettert Bettini. «Dann wundern sich alle, warum sie bei 180 km zusammenbrechen.»

Die Konsequenz: Sanremo wird jünger, aber nicht gereifter. Die Favoritenliste ist länger denn je – und trotzdem endet sie meist mit demselben Namen. «Van der Poel», sagt Bettini und klopft mit dem Finger auf den Tisch, als würde er die Wette schon jetzt eintreiben. «Weil er der Einzige ist, der die Last trägt und sie trotzdem wegsprintet.»

Er selbst wird am Samstag wieder vor dem Fernseher sitzen, mit derselben Mischung aus Fieber und Fernweh. «Ich habe elf Mal gestartet, ein Mal gewonnen. Die Quote ist miserabel. Aber genau deshalb liebe ich dieses Rennen – es gibt keine Gewissheit, nur die Hoffnung, dass irgendwo zwischen den Oleanderbüschen die eigene Legende wartet.»