Bergamo kocht: gattuso und retegui vor dem knock-out gegen nordirland
Am Tag vor dem WM-Playoff in Bergamo steht die Gewissheit fest: Das Gewissini-Stadion ist ausverkauft, 21 700 Stimmen werden Donnerstagabend gegen Nordirland brüllen – und mit ihnen sitzen Di Lorenzo, Zaccagni und Vicario in der Tribüne, als hätten sie vergessen, dass sie selbst vor zwei Wochen noch mit dem Nationaltrikot schlafen gingen.
Um 16.30 Uhr betrat Rino Gattuso den Presseraum, keine Haarspange, kein Sakko, nur die Augen eines Mannes, der weiß: Wer morgen verliert, fliegt raus aus dem Traum von den USA, Mexiko, Kanada 2026. Neben ihm: Mateo Retegui, 25, neun Länderspiele, fünf Tore, ein Stürmer, der noch nie ein WM-Tor schießen durfte, weil es noch keins gab.
Der countdown läuft: wer gewinnt, trifft am 31. märz auf wales oder bosnien
Die Rechnung ist simpel, die Spannung trotzdem messbar: Sieg gegen Nordirland, und Italien spielt im Finale der Playoff-Route C. Die FIFA hat schon die Kugeln poliert, doch Gattuso redet nicht von Kugeln, er redet von Kampf. „Wir haben keine zweite Chance“, sagt er, und man hört das Knirschen von Kieselsteinen unter Stollenschuhen.
Retegui nickt, dabei hat er erst seit Februar das Azzurro auf der Brust. Der Argentinier mit italienischem Pass schlägt inzwischen mit dem linken Fuß, als hätte er ihn nie woanders eingesetzt. „Ich will das Tor, das uns nach Amerika bringt“, sagt er, und klingt dabei wie ein Mann, der schon weiß, welches Netz er aussuchen wird.
Die Curva Nord bereitet schon seit Tagen Choreos vor, die nicht nur die irische Insel erschrecken sollen. 40 Grad Neigung, ein Bühnenbild aus Fahnen, und in der Mitte: ein Spruch, den man nicht vergisst: „Non si torna indietro“ – Zurück gibt’s nicht.

Die ausfälle, die niemand mehr zählt
Wer fragt, erhält Antworten, die nach Verletzung riechen: Immobile fehlt, Chiesa auch, Barella tapst mit Schienbeinschutz durch die Kabine. Doch Gattuso schlägt mit der flachen Hand aufs Pult: „Wir haben 23, die laufen würden, wenn ich’s verlangte.“
Die Statistik? Die lügt nie: Italien hat die letzten drei Playoff-Spiele gewonnen, ohne Gegentor. Nordirland kassierte in den letzten fünf Pflichtspielen zwölf. Die Quote liegt bei 1,25 – aber das interessiert in Bergamo niemanden, weil hier nur das Rasenstück zählt, das um 20.45 Uhr unter Flutlicht erstrahlt.
Am Ende der Pressekonferenz steht Retegui auf, streckt sich, ein Kopf größer als Gattuso. Er sagt keinen Satz mehr, aber die Kamera fängt seine Fingertätowierung ein: „Fortuna favet fortibus“. Dem Mutigen schenkt das Glück seine Hand. In 24 Stunden wissen wir, ob das reicht, um die nächste Seite im italienischen Fußballmärchen aufzuschlagen.
