Bensheim flames zündet pokal-kanone: finale der träume liegt eine sieg weg

Stuttgart wird zur Feuerstelle. Am Samstag schlägt die HSG Bensheim-Auerbach im Halbfinale gegen den Thüringer HC auf – und plötzlich steht das, was 75 Jahre Vereinsgeschichte nie kannten, nur noch 60 Minuten Ferne: ein Titel.

Trainerin fickinger: „wir haben den biss, nicht nur die träume“

Ilka Fickinger rediert nicht lange. „Final Four ist kein Kindergeburtstag, sondern eine Schießerei mit Wasserflaschen“, sagt sie und meint die Druckphase nach jedem Tor, wenn die Bank kocht und die Gegner erfrieren. Ihre Flames landeten nach der Hauptrunde auf Rang drei – vor ihnen nur Dortmund und Blomberg-Lippe, hinter ihnen genau jener THC, der nun zum Duell kommt. Statistiker lieben diese Konstellation: In den letzten fünf Aufeinandertreffen entschied Bensheim vier Mal den Satz für sich. Kleinigkeit? Vielleicht. Gewissheit? Keine.

Vanessa Fehr spürt trotzdem die Vibration. Die 29-jährige Torhüterin ist seit vier Jahren das Bollwerk der Südhessinnen, kennt jede Ritze im Parkett der Wirtschaften-Halle. „Wenn wir mit dem Selbstvertrauen aus der Rückrunde starten, kann selbst ein Ballgewicht 500 g fühlen wie 200 g“, sagt sie und lacht – aber nur halb. Die andere Hälfte ist pure Anspannung. Fehr hat die leeren Pokalregale gesehen, sie will das Foto mit der silbernen Saule, das künftig über dem Vereinswappen hängt.

Thüringer hc: abstiegskampf als schleifstein

Thüringer hc: abstiegskampf als schleifstein

Gegner THC wirft nicht mit Zahlen, sondern mit Nerven. Der Tabellenvierte kämpfte bis zuletzt gegen den Abstieg, befreite sich erst am 22. Spieltag. Genau das macht den Club gefährlich: Wer schon einmal am Abgrund stand, fürchtet keine Tiefgarage mehr. Topscorerin Svenja Huber kommt mit 126 Treffern und einem Ellbogen, der sich nicht für Schönheit, sondern für Aufprall interessiert. Fickinger hat die Videoanalyse gesehen. „Huber dreht sich aus jeder Lücke, selbst wenn sie zwei Gegenspielerinnen im Rucksack trägt“, sagt sie. Das ist keine Lobeshymne, sondern Kampfansage.

Und dann ist da noch die Uhr. 16.30 Uhr Samstag – ein Zeitfenster, das traditionell Zuschauer magisch anzieht. Die Porsche-Arena bietet 6.200 Plätze, bereits 5.800 Tickets weg. Die restlichen 400 dürften kurz vor Anpfiff verschwinden wie warme Brezeln. Organisationchef Matthias Reis erwartet ein „Handball-Fest, das sich über die Grenzen Hessens hinausträgt“. Keine blumige Phrase, sondern Berechnung: Sollte Bensheim gewinnen, winkt am Sonntag um 19 Uhr das Endspiel – live im Ersten. Millionenpublikum, Werbefenster, Image. Für einen Traditionsverein ohne Titel ist das ein Quantensprung in die Wahrnehmung.

Zwei spiele, ein lebenstraum

Zwei spiele, ein lebenstraum

Nina Engel, Rückraum-Laufwunder mit Nationalteam-Erfahrung, bremst die Euphorie. „25 Prozent sind Statistik, 75 Prozent sind Schweiß“, sagt sie und wischt sich dabei ausgerechnet eine Schweißperle aus der Stirn. Die 26-Jährige war dabei, als Bensheim 2023 im Halbfinale gegen Dortmund mit 24:25 das Zeitspiel verpasste. Erinnerung? Makel. Motivation? Rohstoff. Engel trainierte seit Oktober jeden zweiten Tag eine Extrarunde Kreisläufe, um in den letzten zehn Metern nicht erneut den Anschlag zu verpassen. „Ich will nicht wieder nach Hause fahren und ‚wäre, hätte, wenn‘ sagen“, erklärt sie. Satz ohne Hauptsatz, dafür mit Handschellen-Intensität.

Die Logistik steht. Busfahrt Freitag 13 Uhr, Check-in Mövenpick-Hotel direkt an der Arena, Physiobox, Match-Catering, Betthupferl-Plan. Alles standardisiert – bis auf den kleinen Zettel, den jede Spielerin in der Nachttischschublade findet: „Stell dir vor, du hältst den Pokal schon in der Hand.“ Psychotrick? Vielleicht. Aber wer träumt, gewinnt schon mal die Halbzeit.

Am Ende bleibt die nackte Wahrheit: Seit 1950 existiert die HSG, seit 1996 spielt sie Frauen-Bundesliga, seit 2026 wartet sie auf den ersten Titel. 48 Stunden können das ändern. Oder auch nicht. Fickinger nimmt ihre Brille ab, putzt sie mit dem Ärmel. „Wir haben nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen“, sagt sie. Kein Pathos, nur ein Fakt. Fehr packt ihre Handschuhe ein, Engel kontrolliert die Schuhsohlen. Dann geht’s Richtung Stuttgart. Die Flames zündeln – und die deutsche Handballwelt schaut, ob ein ganzer Landesteil in Flammen aufgeht.