Benjamin karl schmeißt brett weg und greift zum rad: gold-olympiasieger will 2030 im cyclocross angreifen

Erst Gold in Mailand-Cortina, jetzt purer Adrenalin-Wahnsinn auf zwei Rädern: Benjamin Karl, 40, kündigt nach der Saisonende-Show in Winterberg den Rücktritt vom Snowboard an – und plant sofort die zweite Karriere als Radprofi mit Ziel Olympische Spiele 2030 in den Alpen. Cyclocross lautet das Stichwort, 44 Jahre alt wäre er dann. „Wie viel geiler kann man Schluss machen?“ sagt der Steirer mit diesem frechen Grinsen, das selbst Zuschauer hinter dem Bildschilrm spüren.

Warum ausgerechnet cyclocross?

Weil der Mix aus Matsch, Eis und Sprint genau seine DNA trifft. Parallel-Slalom war immer schon Kurvenkrieg auf Millimetern, Cyclocross ist dasselbe nur mit Schaltung und noch mehr Dreck. Karl trainiert bereits seit Wochen mit Marco Haller, dem Tudor-Profi, schaufelt sich durch lohende Cross-Strecken in Flandern und Oberösterreich. Plan A: Vertrag bei Tudor, Profi-Lizenz 2027. Plan B: Conti-Team aus dem Heimatbundesland, dafür sagt er Snowboard-Sponsoren bereits tschüss.

Die Rechnung ist simpel: Wenn das IOC auf seiner außerordentlichen Session im Juni Cyclocross offiziell ins Programm nimmt, steht Karl sofort auf der Langliste des Österreichischen Olympischen Komitees. UCI-Präsident David Lappartient drängt, die Franzosen würden Jubelstürme aufführen – ein Heimspiel für sie, ein Späteinsprung für ihn. „Ob Straße oder Cross, ist mir egal. Hauptsache Startnummer“, sagt Karl und meint das ernst.

Der letzte ritt auf dem brett dient als feuerprobe

Der letzte ritt auf dem brett dient als feuerprobe

Bevor die Pedale zählen, wird in Winterberg noch einmal das Snowboard gefordert. Zwei Slaloms, eine dicke Show, vielleicht ein letzter Sieg. Dann: ab 23. März Vollgas Richtung Radsport. Die WM 2027 im Montafon, seiner Heimat, lockt ebenfalls – ein Finale auf Schnee vor heimischem Publikum wäre das i-Tüpfelchen. Doch Karl lässt die Tür nur einen Spalt offen: „Wenn der Körper mitmacht und die UCI mitspielt, bin ich 2030 dabei. Wenn nicht, hab ich trotzdem alles versucht.“

Die Zahlen sprechen für ihn: 15 Weltcupsiege, fünf Weltmeistertitel, eine olympische Goldmedaille. Kein anderer Snowboarder wechselt so spät und so konsequent die Disziplin. Seine Watt-Werte aus dem Labor in Innsbruck liegen laut Insidern bereits im Pro-Bereich, die VO2max hat er sich vom Laktattest bestätigt. Was wie ein PR-Gag klingt, ist akribische Wettkampfvorbereitung. Sponsoren stehen Schlange, weil die Story einfach zu gut ist: Alternder Champion fordert Jugendliche heraus, die sich auf Pumptracks die Knochen demontieren.

Die Verwandlung ist real. Und sie kommt zur richtigen Zeit, da der Snowboard-Weltcup seit der letzten Olympia-Saison mit Zuschauerzahlen und TV-Quoten kämpft. Karl bringt frisches Narrativ, neues Publikum, neue Marken. Er selbst lacht über die Skeptiker: „Die sagen, ein Brett ist kein Rad. Ich sag: Beides hat Kurven, Beides verlangt Explosivität – und Beides macht süchtig.“

Fakt ist: Wenn er im Februar 2030 in Chambéry an den Start rollt, wäre er der erste Athlet, der nach einem Gold im alpinen Snowboard auch bei einer Sommer- respektive Winterspiel-Neuauflage auf dem Rad um Medaillen fährt. Die Uhr tickt, die Entscheidung des IOC ebenso. Doch Karl genießt das Tempo. Er weiß: Auf der Piste zählen Hundertstel, im Cross zählt Durchsetzungskraft. Beides beherrscht er. Und wenn die Chemie stimmt, bekommt die Sportwelt ein einmaliges Finale geliefert: Goldjunge wird Querfeldein-Rebell. Schluss mit lustig? Noch lange nicht.