Bendlin: der zehnkampf-könig, der sich dem ruhm entzog
Vor 59 Jahren erschütterte Kurt Bendlin die Leichtathletikwelt mit einem Weltrekord, der bis heute in Erinnerung bleibt. Doch der Triumph in Heidelberg war nur ein Kapitel in einer außergewöhnlichen Karriere, geprägt von Ehrgeiz, Verletzungen und der Suche nach innerer Ruhe – eine Suche, die ihn schließlich in den Wald führte.

Ein leben zwischen kampf und kontemplation
Kurt Bendlin, geboren 1943 in Westpreußen, erlebte eine Kindheit voller Entbehrungen. Der Verlust seines Vaters im Krieg und die Flucht mit seiner Mutter prägten ihn früh. Diese Erfahrungen schienen ihn jedoch zu einem unbändigen Willen zu beflügeln, der ihn zu einer Karriere als Ausnahmeathlet führte. Seine Trainer Bert Sumser und Friedel Schirmer sahen früh sein Potenzial und formten ihn zu einem der vielseitigsten Zehnkämpfer aller Zeiten.
Die Geschichte seines Weltrekords am 14. Mai 1967 im Heidelberger Universitäts-Stadion ist legendär. Bei sengelnder Hitze, mit einer Flüssigkeitsaufnahme von 25 Litern Mineralwasser allein am Sonntag, bewältigte Bendlin die zehn Disziplinen mit einer außergewöhnlichen Leistung und erreichte 8.319 Punkte. Eine Zahl, die die Konkurrenz in den Schatten stellte und ihn über Nacht zum Superstar machte. „Es waren die heißesten Tage des Jahres“, erinnerte er sich später, „ich habe mich in feuchte Laken gewickelt, um der Hitze zu entkommen.“
Ein Mensch zwischen zwei Welten Nach dem Rekord befand sich Bendlin an einem Scheideweg. Die überschäumende Freude über den Erfolg vermischte sich mit einem tiefen Gefühl der Einsamkeit. Er hatte einen Punkt erreicht, an dem noch nie zuvor ein Mensch gewesen war, wie er einmal sagte. Doch der öffentliche Trubel, die Aufmerksamkeit der Medien – all das war ihm zu viel. Er flüchtete in den Wald, suchte die Stille des Mondscheins, um dem Rampenlicht zu entkommen.
Seine Karriere war von zahlreichen Verletzungen überschattet. 14 Operationen zählten zu seinem Tribut, ein Beweis für den immensen Einsatz, den er für seine sportlichen Ziele brachte. „Mein Problem war, dass meine Kraft größer war als die Haltbarkeit meiner Knochen und Gelenke“, gestand er später. Doch er gab nie auf, kämpfte sich immer wieder zurück, getrieben von einem unerschütterlichen Willen.
Auch die Olympischen Spiele 1968 in Mexiko-City bleiben unvergessen. Trotz eines schweren Muskelrisses kurz vor dem Wettbewerb sicherte sich Bendlin die Bronzemedaille – ein Sieg, der für ihn größer war als jeder Goldgewinn. „Mexiko-City war der größte Sieg über mich selbst“, erklärte er. Dieser Sieg, der aus der Tiefe heraus erkämpft wurde, sollte ihn sein Leben lang begleiten.
Später wurde ihm seine Medaille gestohlen, ein weiterer Tiefpunkt in einer Karriere voller Höhen und Tiefen. Erst 2001, durch einen mysteriösen Anrufer und die Initiative von Heribert „Mr. Sportschau“ Faßbender, wurde die Medaille zurückgegeben. Ein Moment, der ihn, wie er selbst sagte, „von der Bombe getroffen“ habe.
Nach seiner sportlichen Laufbahn engagierte sich Bendlin ehrenamtlich für drogenabhängige Jugendliche und fand Erfüllung in der Weitergabe seines Wissens und seiner Erfahrung. Sein Leben war ein Spiegelbild von Kampf und Kontemplation, von Triumph und Tragödie. Kurt Bendlin, der „König der Athleten“, ist 2024 friedlich verstorben – ein Vermächtnis, das weit über seine sportlichen Leistungen hinausgeht.
