Bayern zerlegt madrids selbstbild – neuer wird zum schreckgespenst
1:2 gegen den FC Bayern – und plötzlich wirkt Real Madrid wie ein Hase im Scheinwerferlicht. 55 Minuten lang dominierten die Münchner, ließen Ball und Gegner laufen, stellten die Königlichen bloß. Die Bilanz von Interimscoach Álvaro Arbeloa: sieben Niederlagen in 19 Pflichtspielen. Das ist keine Phase mehr, das ist ein Trend. Die Quadratur des Kreises beginnt am Dienstag im Allianz Arena.
Arbeloa steht mit dem rücken zur wand
Die Zahlen sind gnadenlos. Xabi Alonso musste nach 34 Spielen gehen – bei gleicher Anzahl an Pleiten. Die Differenz: 15 Partien mehr Zeit. Die jüngsten zwei Auftakte nach der Länderspielpause haben Madrids Saison beinahe geköpft: Mallorca raubte die Meisterschaftsträume, Bayern droht, die Champions-League-Hoffnung zu ersticken. 15-mal zog der deische Rekordmeister die K.o.-Runde seit 2009 durch, wenn das Rückspiel vor eigenem Publikum anstand. Real muss also Geschichte umschreiben – oder früh nach Hause fahren.
Luis Díaz und Harry Kane schossen, doch der Abend gehörte Manuel Neuer. Mit 40 Jahren flog der Schlussmann zwischen den Pfosten, als gälte es, die Zeit selbst zu stoppen. Drei Großchancen in Serie wehrte er in der 78. Minute ab, zerstörte Madrids letzte Zuversicht. Ohne diese Parade stünde ein 1:4 auf der Anzeigetafel – und die Partie wäre gelaufen.

Bayern wirkt gerade reifer – das ist das problem
Vinícius und Bellingham? Lange Schatten, kaum Konturen. Die Madrider Stars fanden kein Mittel gegen Bayern kompakte 4-2-3-1-Pressing. Die Gäste spielten nicht einmal hochriskant, sondern mit der Gelassenheit eines Teams, das weiß, wann es zuzustoßen hat. Die Folge: Ballgewinn, Kombination, Tor – einstudiert wie ein Uhrwerk. Real hingegen wirkte ideenlos, sobald der Gegner die Räume eng machte. Ein System, das auf Konter lebt, bricht zusammen, wenn der Ball nicht läuft.
Die Buchmacher signalisieren Misstrauen. Die Quote auf einen Madrider Auswärtssieg kletterte nach Abpfiff von 2,60 auf 3,40 – ein Votum gegen die Form, nicht gegen die Tradition. Denn Statistik hin oder her: Real gewann drei der letzten vier Gastspiele in München. Doch die Mannschaft, die damals antrat, hatte Ramos, Casemiro, Benzema. Die jetzige trägt noch die Kinderkrankheiten eines Umbruchs zur Schau.
Arbeloa redet von „Charakter“ und „Bernabéu-Feuer“, doch Feuer ohne Taktik verglüht schnell. Wer 180 Minuten nur reagiert, kann keine Geschichte schreiben. Am Dienstag muss Real nicht nur Tore erzwingen, sondern auch verhindern, dass Bayern den ersten Treffer erzielt – denn dann würde Madrid 2:0 gewinnen müssen, um weiterzukommen. Eine Zielsetzung, die schon halb verrückt klingt.
Die Uhr tickt. Die Saison steht auf dem Spiel. Und im Allianz Arena wird kein Madrider Fan darauf wetten, dass sein Team einfach mal „die Logik aushebelt“. Es sei denn, er glaubt noch an Wunder – oder an Manuel Neuers 41. Geburtstag.
