Atalanta schickt bayern ins bergamo-labyrinth – und glaubt fest an den nächsten achtungserfolg

90 Minuten trennen Atalanta vom zweiten Champions-League-Sensationssieg gegen deutsches Top-Gold. Nach dem 4:1-Kracher gegen Dortmund schickt Coach Raffaele Palladino seine Truppe nun gegen den Rekordmeister – mit derselben Attitüde: lauf-intensiv, ball-herz-raus, Fans auf Granit.

Die wiederholung der pokal-psychose beginnt im hexenkessel von bergamo

„Unsere Tifosi haben das Spiel gegen Dortmund geradezu elektrisiert“, sagt Palladino, „und genau diese Spannung wollen wir wieder entfachen.“ Die Zahlen sprechen für ihn: Atalanta erzielte nach der Winterpause zuhause 19 Tore in sieben Pflichtspielen, kassierte nur fünf. Wer in dieser Phase ins Gewächshaus von Gewiss Stadium reist, spielt nicht gegen Elf, sondern gegen ein ganzes Bergamasker Bollwerk.

Bayern wird die Rechnung kennen, doch die Lösung? Keine so einfache. Kompany muss auf Neuer verzichten, zwischen den Pfosten darf Jonas Urbig sein Debüt in der Königsklasse geben. Der 22-Jährige kennt Druck – schließlich durchlief er alle deutschen Nachwuchsstufen –, nur Atalantas Pressing-Hydra ist eine andere Hausnummer. „Jonas ist bereit“, sagt Stanisic, doch die Frage lautet: Bereit für Lookman, De Ketelaere und den rasenden Scamacca, der gegen Dortmund binnen 53 Minuten den Matchball versenkte?

Der plan, der den bvb schon zerlegte, wartet auf münchen

Der plan, der den bvb schon zerlegte, wartet auf münchen

Palladino schwört auf breite Außen, überraschende Seitenwechsel und das frühe Umschalten nach Ballgewinn. Die Mischung aus 3-4-1-2 und Moment-Phasen, in der sich die Sechser in Halb-Raum-10er verwandeln, ließ Dortmunds 4-2-3-1 zerfasern. Gegen Bayern wird das System nur marginal angepasst: Pašalić rückt tiefer, um Kimmich die Räume zu verstopfen, Ederson soll Pavlović am Aufbau hindern. Kleinigkeiten, die aber Großes bewirken können.

Die personelle Lage: Scalvini fehlt gesperrt, doch Djimbeiti rutscht nach. Hinten links rotiert Ruggeri mit Zappacosta, um Sané und Musiala zwei verschiedene Profile entgegenzusetzen. Die wahren Waffen aber trägt Atalanta im Kopf. „Wir sind die letzte italienische Fahne im Wettbewerb“, sagt Pašalić, „das spornt uns zusätzlich an.“

Kane oder kein kane – atalantas antwort heißt kommunikation

Kane oder kein kane – atalantas antwort heißt kommunikation

Ob Harry Kane von Anfang an aufläuft oder erst später zuschlägt, ist für Atalanta kein strategischer Bruch. Hien und Kolasinac trainierten den Doppel-Libero, der den Engländer an der Strafraumkante abkocht und gleichzeitig die Lücke für Musiala abdichtet. Kleinster gemeinsamer Nenner: laute, permanente Absprache. „Wenn einer schreit, hören alle“, lautet interne Parole. Die Zweikampfquote von Kolasinac gegen körperstarke Stürmer liegt seit drei Spielen bei 67 % – das ist mehr als ein Hoffnungsschimmer.

Und dann ist da noch die Tatsache, dass Bayern in 2025 auswärts nur zwei Siege holte. Eine Seuche, die auch die Münchner beschäftigt. „Wir haben Schwächen gesehen, sie vor allem in der Ballorientierung“, verrät Pašalić. Gemeint sind jene Sekunden, in denen sich die Bayern-Sechser umorientieren, wenn der Ball von links nach rechts wirbelt – genau die Szenerie, in der Atalanta lebt.

90 Minuten stimmungsrausch, danach folgt das kalte münchen

90 Minuten stimmungsrausch, danach folgt das kalte münchen

Ein Tor reicht nicht, das weiß jeder im Kader. Denn das Rückspiel in der Allianz Arena droht, wenn Atalanta nicht schon im Hinspiel einen Polster schafft. „Wir brauchen mindestens zwei“, fordert Sportdirektor Marino intern. Die Statistik? Klubrekord: Atalanta schoss in dieser Saison in der CL 43 % ihrer Tore nach Standards. Bayern kassierte aus Eckbällen bereits vier Gegentreffer – deutlich mehr als in den Vorjahren. Eine Offenlegung, die Palladino vergangene Nacht nicht ohne Grinsen kommentierte: „Wir wissen, wo die Lampen hängen.“

Die Stadt bereitet sich auf ein Fest vor, 4 000 zusätzliche Sicherheitskräfte sind angefordert, die Curva Nord probte bereits gestern Abend ein Mosaik, das den Bayern das Wort „Angst“ in riesigen Lettern entgegenleuchten soll. Dazwischen: ein Trainer, der lacht, ein Torjäger, der schwitzt, und ein Verein, der sich selbst Überflieger nennt, ohne arrogant zu wirken.

Bayern mag der Favorit sein, aber Atalanta besitzt das Rezept, aus Favoriten Verlierer zu kochen. Das Ergebnis von Dienstagabend entscheidet mit, ob nach dem Rückspiel wieder ein deutsches Team von der Val Seriana träumt – oder ob Italiens letzte CL-Hoffnung erst recht auf Titelkurs düst. Die Uhr tickt, das Thermometer steigt, und Bergamo wartet darauf, erneut Geschichte zu schreiben.