Aprilia erobert die motogp-träume: bezzecchi lässt ducati erzittern
Ein Blick auf die Boxengasse genügte: Gigi Dall’Igna schaute auf die Zeitanzeige wie auf eine Rechnung, die niemand begleichen will. Marc Márquez nur Vierter, Pecco Bagnaia im Kies – und auf der Aprilia-Seite umarmte sich Massimo Rivola mit Felipe Massa, als wäre gestern noch Ferrari-Zeit. Die Welt ist sich plötzlich eine Nummer zu klein für Ducati.
Bezzecchi reitet die welle – und aprilia die konkurrenz
Marco Bezzecchi hat in Brasilien nicht einfach gewonnen, er hat eine Serie geschrieben: vier Siege in Folge, alle aus der Pole, alle mit Start-Ziel-Führung. Kein Aprilia-Fahrer vor ihm, kein Ducati-Pilot hinter ihm, der mit halbwegs gleichen Mitteln antworten könnte. „Freitagabend dachte ich noch, dass wir hier maximal Punkte sammeln“, sagte der 26-Jährige aus Rimini – und lachte am Sonntag mit dem Gesicht eines Mannes, der weiß, dass er gerade die Weichen stellt.
Die Zahlen sind gnadenlos: In Goiania standen drei RS-GP in den ersten fünf, in Buriram sogar vier. Ducati? Sechs Werk- und Kundenbikes, aber keiner auf dem Podest. Vor einem Jahr noch kursierte das Meme, Italien sei gleich Borgo Panigale – heute lautet die neue Formel: Italien gleich Noale. Die Desmosedici zappelt in den langen Runs herum, verliert am Kurvenausgang Bodenhaftung, verliert an der Gerade Top-Speed. „Wir fehlt einfach das letzte Stückchen Beschleunigung“, sagte Marc Márquez, der mit 22 Punkten Rückstand auf Bezzecchi nach Texas reist – und selbst dort, auf seiner persönlichen Märchenpiste, nur vorsichtig optimistisch ist.

Martin fliegt unter dem radar – und könnte gefährlich werden
Jorge Martín wartete 490 Tage auf den nächsten Podestplatz, nun steht er wieder oben – und noch wichtiger: auf einer Maschine, die er noch nicht mal voll versteht. „Ich spüre, dass da mehr geht“, sagte der Madrilene, nachdem er in Brasilien Platz zwei holte. Sobald er die Aprilia in engen Sektoren so zwingen kann wie früher die Ducati, könnte Bezzecchi einen zweiten Gegner im eigenen Lager haben. Dann wäre die Meisterschaft kein Solo, sondern ein Ballett zwischen zwei RS-GP, während die roten Maschinen hinten tanzen müssen.
KTM? Pedro Acosta verlor die Tabellenführung, Miguel Oliveira landete im Punkteregen, Álex Márquez fuhr hinterher. „Wir brauchen obenrum ein paar PS mehr, sonst bleiben wir in der Paradetour stehen“, sagt Dani Pedrosa, Testfahrer und sonst so wortkarg wie ein Klosterbruder. Die Rechnung ist simpel: Wer auf der Geraden nicht überholt, kann auf der Bremse auch nicht angreifen.

Austin wird zur schicksalsrunde – für ducati und für márquez
Als nächstes steht Austin an, Texas, wo Márquez seit neun Jahren jedes Mal gewann – außer 2024, als er fehlte. Doch selbst er schickt vorab eine kleine Warnung: „Unsere Daten sagen, dass wir dort nicht automatisch wieder vorn sind.“ Fällt er erneut aus dem Kreis der Siegkandidaten, schlägt in Bologna die Stunde der Ingenieure, die bislang keine Antwort auf die neue Aprilia-Ära finden. Denn das, was Ducati noch vor zwölf Monaten als eigenes Monopol deklarierte – Top-Speed, Traktion, Aerodynamik –, besitzt jetzt die RS-GP. Und sie nutzt es, als wäre es nie anders gewesen.
Die Saison ist zwei Rennen alt, aber die Psyche der Liga längst umgekrempelt. Ducati muss nun jene Frage beantworten, die sie selbst jahrelang den Rest des Feldes stellte: Wie holt man sich einen Vorsprung zurück, den die Gegner schon vor der Hälfte der Saison in sicherer Obhut haben? Bezzecchi sagt lapidar: „Ich genieße die Momente, aber ich weiß auch, dass sie schnell vorbei sein können.“ In Noale glaubt man das gerade nicht – und das ist die größte Waffe der neuen Favoriten.
