Anna-lena forster schraubt gold-zähler auf zwei – und ist längst noch nicht satt

Anna-Lena Forster jagt sich selbst. Nach dem Abfahrtssieg vom Montag schraubte sie im Riesenslalom die nächste Gold-Plakette an den Himmel über den Dolomiten – und macht damit klar, warum das deutsche Team in Italien bisher um sie kreist.

Der Lauf am Donnerstag war kein einfacher Abfahrts-Cocktail, sondern ein technischer Kontrollgang. 1:49,72 Minuten stehen in der Statistik, doch die Zahl erzählt nur die Hälfte. Denn Forster fuhr mit einem Mono-Ski, den sie in den vergangenen Monaten mit Ingenieuren am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme neu kalibriert hat – leichter, steifer, mit einem Carbon-Rahmen, der Vibrationen schluckt wie ein Schalldämpfer.

Die prothese, die mitdenkt

„Wir haben die Dämpferposition verstellt und die Kontaktfläche verkleinert“, sagt sie nach dem Rennen. Ihre Stimme klingt, als hätte sie gerade eine Schachpartie gewonnen. „Plötzlich spüre ich Kantenwechsel, die ich vorher nur erahnt habe.“ Für ihre Gegnerinnen klingt das wie eine Drohung: Die 30-Jährige verbessert sich auf Kommando.

Die Behinderung, mit der sie geboren wurde, hat sie nie als Defizit verhandelt, sondern als Konstruktionsauftrag. Ihre Prothesen sind keine Ersatzteile, sondern High-Tech-Werkzeuge. In der Startkabine legt sie sie wie Skistöcke an, kalibriert die Winkel über ein Smartphone-App, das sie selbst mitentwickelt hat. Die Daten fließen zurück an die Ingenieure in Stuttgart – ein offenes Labor auf 1800 Metern Höhe.

Die Konkurrenz schaut nicht mehr nur staunend, sondern rechnet. Forster hat in dieser Saison fünf von sechs Weltcup-Riesensläloms gewonnen. Die einzige, die sie schlagen konnte, war die Schweizerin Alexandra Stalder – und die fuhr mit einem Ski, den sie sich bei Forster abgeschaut hat. „Ein Kompliment“, sagt Forster trocken. „Aber nächstes Mal baue ich eben schon wieder einen neuen.“

Vierte spiele, vierte evolution

Vierte spiele, vierte evolution

Peking, Pyeongchang, Sotschi – überall holte sie Medaillen, doch nie zuvor zwei Goldene in einer Woche. Die Bilanz: fünfmal Edelmetall in vier Spielen. Wer sich auf sie verlassen will, muss die Excel-Tabelle erweitern. Ihr Weltcup-Konto steht bei 27 Siegen, sie ist damit erfolgreichste deutsche Skirennfahrerin – mit oder ohne Behinderung.

Abfahrt und Riesenslalom sind erst der Anfang. Slalom und Super-G folgen. Forster lacht, wenn Journalisten fragen, ob sie Angst vor Ermüdung habe. „Ich bin nicht müde, ich bin programmiert.“ Dann packt sie den Ski unter den Arm und verschwindet in der Dunkelheit der Gondel – Richtung nächster Startnummer, nächstem Entwicklungsschritt.

Zurück bleibt ein Fakt, der alle Diskussionen über Fördergelder und Inklusionsquoten obsolet macht: Deutschland hat derzeit zwei Goldmedaillen bei den Winter-Paralympics. Beide hängen im Schlafzimmer von Anna-Lena Forster. Und sie hat noch zwei Rennen Zeit, um sich neue Nagel zu suchen.