André fuhr: „ich bin 54, arbeitslos und unsichtbar – das ist meine lebenslängliche strafe“
André Fuhr sitzt in der Kabine eines Oberliga-Kellers, umringt von Hobbyspielern, die ihn kostenlos coacht. Drei Jahre nach dem Sturz aus der Frauen-Bundesliga ist der einstige Meistertrainer ein Gespenst – präsent, aber nicht existent.
Der 54-Jährige spricht leise, fast flüsternd, als fürchte er, die Worte könnten zurückschlagen. „Ich habe 250 Bewerbungen geschrieben, vier Vorstellungsgespräche, null Ergebnis.“ Die Stimme bricht nicht, aber die Zahlen schreien. „Selbst als Jugendkoordinator war ich zuviel.“
Der tag, an dem der kopf abgerissen wurde
15. Oktober 2022, 11:07 Uhr: Borussia Dortmund und Fuhr einigen sich auf Auflösung – kein Kündigungsprozess, nur ein Stück Papier, das ihn freigibt. Eine Woche später der Spiegel-Artikel. „Dann war alles vorbei“, sagt er. „Google liefert heute noch 28 000 Treffer, die mich als Monster zeigen.“
Die Vorwürfe: systematische Machtausübung, psychische Gewalt, sexualisierte Übergriffe – keine Anklage, keine Bewährung, nur ein Shitstorm, der nie verjährt. „Ich habe sieben Monate in Kliniken verbracht, weil ich mich nicht mehr auf die Straße traute“, sagt Fuhr. „In Ostwestfalen bin ich ein Phantom.“

Vergleich mit dem dhb: ein witz auf bewährung
Im Mai 2023 einigt sich der Deutsche Handballbund nach interner Prüfung: Fuhr darf unter Auflagen wieder trainieren – wenn der Verband zustimmt. „Der Tag war kein Wendepunkt, er war ein Sargnagel“, sagt er. „Kein Klub will die Genehmigung riskieren.“ Sein Name bleibt digitaler Nagel im Kopf jeder Personalentscheidung.
Also coacht er Männer in der Oberliga, fährt mit zur Auswärtsfahrt nach Dülmen, bezahlt die Benzinrechnung selbst. „Die Jungs fragen nicht viel, sie wollen einfach gewinnen. Das ist Balsam.“

Die spielerinnen, die blieben, und die, die gingen
Mia Zschocke und Amelie Berger, die den Anstoß gaben, sind längst im Ausland. „Warum sie nicht im Verein blieben, nachdem ich weg war, darf man fragen“, sagt Fuhr. „Antworten gibt es nur in Kommentarspalten.“
Stattdessen erhält er WhatsApp-Nachrichten von ehemaligen Nationalspielerinnen: „Du weißt schon, welchen Anteil du an meiner Karriere hast.“ Er zeigt die Smileys, aber die Freude bleibt eine Datei, keine Zukunft.

Der ehemalige präsident und die achselzucken des vereins
Im November 2024 entschuldigt sich BVB-Präsident Lunow auf der Hauptversammlung bei den beiden Spielerinnen – ohne Fuhr je zu kontaktieren. „Er applaudiert sich selbst für Rückgrat, redet aber nicht mit dem, den er öffentlich zerstört hat“, sagt Fuhr. „Das ist kein Präsident, das ist ein Marketingvideo.“
Was bleibt, ist der countdown der leeren tage
Seine Kompetenz: 16 Jahre Bundesliga, Meistertitel, 72 Juniorinnen mit Nationalteam-Lizenz. Seine Realität: 450 Euro Aufwandsentschädigung, keine Krankenversicherung, keine Rente. „Ich bin 54 und habe keine Ahnung, wie ich 67 werden soll“, sagt er.
Er schließt die Laptop-Mappe, blickt auf den Trainingsplan für Samstag. „Ich will nur zurück ins Leben, nicht in die Bundesliga. Ich will Arbeit, die mich morgens rausreißt und abends müde macht.“ Dann kommt der Satz, der zwischen den Zahlen steht: „Stattdessen lerne ich, wie man Depression morgens anzieht, ohne dass sie den ganzen Tag sitzt.“
Die Uhr auf dem Rasen zeigt 21:13 Uhr. Die Lichter gehen aus, die Halle wird kalt. André Fuhr trägt allein die Taschen zur Tür. Die Saison dauert noch vier Monate. Danach ist nichts mehr geplant.
