Ancelotti bei brasilien: rettung oder risiko?

Rio de Janeiro – Die brasilianische Nationalmannschaft steht vor einer WM, die mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert. Nach zwei enttäuschenden Viertelfinal-Klatschen setzt die „Seleção“ nun auf eine überraschende Lösung: Carlo Ancelotti. Doch ist der italienische Erfolgsgarant tatsächlich der richtige Mann, um Brasilien zurück an die Weltspitze zu führen? Zwei erfahrene Experten äußern deutliche Zweifel.

Die qualifikation als warnsignal

Die WM-Vorbereitungen Brasiliens waren alles andere als überzeugend. Die Qualifikation für die Endrunde in Mexiko, Kanada und den USA verlief holprig, geprägt von uninspirierten Leistungen und verpassten Chancen. Nun soll Ancelotti, der zum ersten Mal einen ausländischen Nationaltrainer übernimmt, das Ruder herumreißen. Friederike „Fritzy“ Kromp, ehemalige Werder-Trainerin und ZDF-Expertin, hält das für fraglich. „Die Qualifikation war eine Katastrophe, schlichtweg vergessen“, so Kromp. „Ancelotti kommt jetzt als Retter, aber das wird schon schwer. Ich glaube, es ist eher ein großer Scheinriese, und die Wahrscheinlichkeit einer großen Enttäuschung ist groß.“

Auch Christoph Kramer, Weltmeister von 2014, ist skeptisch. Er räumt zwar ein, dass Ancelotti ein außergewöhnlicher Menschenführer sei, der seinen Spielern Freiräume gewähre. „Das klappt aber nur mit absoluten Top-Stars“, betont Kramer. Brasilien verfügt zwar über einige dieser Stars wie Neymar und Vini Jr., doch Kramer bezweifelt, dass Ancelotti in der Lage ist, aus der Mannschaft das Maximum herauszuholen. „Er muss mit dieser Mannschaft auch kreieren, und ich weiß nicht, ob er dafür der Richtige ist. Wenn du dieser Mannschaft nur Freiheiten lässt und sagst, ‚macht mal‘, dann wird es nicht funktionieren.“

Vini jr. unter druck: mehr leistung gefordert

Vini jr. unter druck: mehr leistung gefordert

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft Vini Jr., den brasilianischen Hoffnungsträger. Mats Hummels, ehemaliger DFB-Star und Experte bei MagentaTV, weist darauf hin, dass der Real-Star im Nationaltrikot noch viel Luft nach oben hat. „Neun Tore in 49 Länderspielen – da muss man nicht drumherumreden“, stellt Hummels klar. Ancelotti wird also vor einer Mammutaufgabe stehen: Vini Jr. zu Höchstleistungen zu motivieren und gleichzeitig die Mannschaft als Ganzes zu formen. Der Druck ist enorm, denn die Erwartungen an Brasilien sind traditionell immer immens.

Die bevorstehende Partie gegen Marokko wird für Ancelotti und seine Mannschaft ein erster Test unter dem Druck der WM. Ob der Italiener tatsächlich die „Seleção“ zurück an die Weltspitze führen kann, bleibt abzuwarten. Eines ist jedoch sicher: Die Zweifel sind groß, und der Weg zum sechsten WM-Titel wird alles andere als einfach.