Allendorf zündet den turbo: wetzlar glaubt wieder an das wunder

Michael Allendorf spricht schneller, als andere denken. 39 Tage im Amt, neun Spiele noch, ein Abstieg droht – und der neue Sport-Geschäftsführer der HSG Wetzlar redet sich in Rage, als stünde sein Verein schon wieder im Play-off-Viertelfinale. Die Klatsche gegen Melsungen? Vergessen. Der Sieg in Minden? Kernbrennstoff. Die Saison? „Wir haben den Kampf verinnerlicht“, sagt er, und man spürt, dass er selbst die 60 Minuten gegen Stuttgart schon im Kopf durchgespielt hat.

Die woche, die wetzlar neu erfand

Allendorf bestellt Kaffee, lässt das Smartphone im Hotel Belvedere liegen und erzählt stattdessen von Einzelgesprächen, die bis 23 Uhr dauerten. „Ich kannte die Jungs als Handballer, nicht als Menschen“, sagt er. Jetzt kennt er jeden: den Rechtsaußen, der Nachts Sozialpädagogik studiert; den Kreisläufer, der sich nach jedem Training Eisbeutel um beide Knie wickelt; den Torwart, der vor jedem Siebenmeter betet. Die Bilanz: zehn Punkte, Platz 17, drei Gegner in Reichweite. Die Botschaft: „Wir fahren nicht gegen den Abstieg, wir fahren durch ihn hindurch.“

Die Zahlen sind gnadenlos, aber die Tabelle lügt manchmal. Bergischer HC und GWD Minden haben 38 Treffer mehr kassiert als geschossen, Wetzlar nur 19. Die Tordifferenz ist das kleinste Übel der Liga-Schlusslichter. Allendorf rechnet vor: „Wenn wir unsere Chancenquote um nur vier Prozent erhöhen, stehen wir auf Platz 14.“ Klingt nach Excel, ist aber Psychologie. Er nennt es „Mosaiksteine“, die zusammenpassen müssen.

Der plan heißt „zweigleisig“, aber die bremse ist rostig

Der plan heißt „zweigleisig“, aber die bremse ist rostig

Parallel zur Rettung schmiedet Wetzlar schon die Mannschaft 2025/26. Allendorf bestätigt: „Wir planen für Liga 1 und Liga 2.“ Heißt: Verträge mit Optionsklauseln, Neuzugänge mit Ausstiegsrechten, Scouting-Trips nach Skopje und Kristianstad. Der Verein stemmt 4,2 Millionen Euro Jahresbudget, die Hälfte hängt am Fernsehgeld. Ohne Erstliga-Zugehörigkeit fehlen zwei Millionen – das wäre der Sollbruch für die Akademie, für die 120 Nachwuchsspieler, für den Ausbau der Buderus-Arena.

Am Samstag geht’s nach Mannheim, wo die Löwen seit 17 Heimspielen nicht mehr verloren haben. Allendorf lacht trocken: „Perfekt. Wenn wir da was reißen, explodiert das Selbstvertrauen.“ Dann folgt Stuttgart, danach der BHC. „Neun Finals“, sagt er und klingt dabei wie ein Boxpromoter. Keine Rhetorik, keine Phrase – nur der nüchterne Blick auf den Spielplan, der wie eine Guillotine daherkommt.

Der abstieg wäre nicht nur sportlich ein desaster

Der abstieg wäre nicht nur sportlich ein desaster

Die Region um Wetzlar lebt vom Handball. Hotels buchen 2.000 Übernachtungen pro Saison, Restaurants machen 15 Prozent ihres Jahresumsatzes an Spieltagen. Die HSG ist der größte Arbeitgeber der Stadt mit 73 Vollzeitstellen. Allendorf kennt die Studie der Hochschule Mittelhessen: Abstieg minus 25 Prozent Sponsoren, minus 1.400 Dauerkarten, minus 800.000 Euro Merchandising. „Wir reden hier über Existenz“, sagt er und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch.

Trotzdem verbannt er das Wort „Angst“. Stattdessen erfindet er neue Druckwörter: „Erfolgszwang light“, nennt er die Restsaison. Die Mannschaft trainiert seit zwei Wochen mit Herzrate über 190, der Fitnesstracker piept wie ein Feueralarm. Allendorf steht daneben, stoppt jede Übung, bei der ein Pass nicht sauber ankommt. „Wir müssen lernen, dass Perfektion keine Luxus-Option ist, sondern Überlebensmodus.“

Am Ende bleibt die simple Rechnung: neun Spiele, mindestens vier Siege, vielleicht ein Unentschieden. Allendorf glaubt an die Statistik, die ihm sein Analyst schickt: Teams, die nach der 21. Spielzeit noch unter dem Strich stehen, aber eine Trendwende einleiten, haben in 67 Prozent der Fälle den Klassenerhalt geschafft. „Wir sind der Trend“, sagt er und meint es ernst. Dann steht er auf, zieht die Kapuze des Wetzlar-Pullovers über den Kopf und verschwindet in Richtung Kabine. Hinter ihm bleibt der Kaffee kalt – und das Gefühl, dass in Wetzlar gerade jemand den Abstieg abgeschossen hat, bevor er richtig da war.