Alcaraz-aus: experten enthüllen, warum sein handgelenk zerbricht

Carlos Alcaraz flog nach Paris, verließ Paris mit einer Schiene – und wird auch Wimbledon nur vom Sofa sehen. Hinter dem jüngsten Handgelenks-Coupé steckt längst kein Pech mehr, sondern ein Systemfehler. Claudio Zimaglia, Osteopath und langjähriger Physio von Novak Djokovic und Jannik Sinner, liefert die nüchterne Diagnose: „Sein Spielstil fräst sich durchs Gelenk.“

Die frage ist nicht warum, sondern wann es knallt

Beim Match in Barcelona gegen Virtanen spürte der Spanier ein scharfes Reißen, schloss trotzdem ab. Die MRT-Bilder danach zeigten eine Tenosynovitis – eine entzündete Sehnenscheibe, die den Sehnenstrang wie ein zu enger Gurt drosselt. Bereits 2024 hatte sich ein Ödem im rechten Unterarm angedeutet, jene Struktur, die Handgelenk und Schlägerführung wie ein Stahlseil verbindet. Zimaglia: „Er hat die Rechnung ohne seine eigene Beschleunigung gemacht.“

Der Grund liegt im Gewissermaßen in Alcaraz’ Superkraft. Seine Vorhand ist ein Gummiband auf 200 km/h – Armpeitsche, extreme Supination, Handgelenk knickt ein, Ball fliegt. Dazu kommen harte Saiten und ein eng geschlossener Western-Griff. Jeder Topspin ein Mikro-Tsunami für die Sehnen. Die moderne Spielweise generiert zwar Winner, aber auch Wärme. Und Wärme plus Reibung plus 80 Turniereinheiten pro Woche ergibt Schmelzpunkt.

Die drei killer: überlastung, reibung, vibration

Die drei killer: überlastung, reibung, vibration

Zimaglia zählt auf: Erstens die monotone Wiederholung ohne Erholungsslots. Zweitens die extreme Rotation, die Sehnen an ihre Dehn-Grenze bringt. Drittens der Aufprall auf „Stein-Bälle“ – Bälle mit hartem Kern, die sich nach zwei Games zu schweren, pelzigen Geschossen verwandeln. Wer dann noch mehr Gas gibt, um die Pace zu halten, schaltet das Handgelenk auf Selbstzerstörung.

Betroffen sind nicht nur Alcaraz. Die häufigsten Verletzungen: Extensor-Carpitis am kleinen Finger, De-Quervain-Syndrom am Daumenansatz, Risse in der dreieckigen Fibroknorpelscheibe, manchmal sogar Hakenspeichen-Frakturen. „Das Handgelenk ist heute das neue Knie“, sagt Zimaglia. Nur dass es weniger Muskeln schützt und dafür mehr Drehmoment auffängt.

Prävention ist kein stretching-video mehr

Prävention ist kein stretching-video mehr

Früher reichte ein fünfminütiger Dehn-Film. Heute kombinieren Teams biomechanische Videoanalysen, Last-Management und Mikro-Kraftprogramme. Hand-Grips, Flex-Bars, Sensorik-Platten – alles, um die kleinen Muskeln zwischen den Handwurzelknochen zu wappnen. Dazu kommen individuelle Bandagen, wobei zu viel Stabilität wiederum die natürliche Dämpfung blockiert. Balance statt Beton.

Auch die Technik wird neu justiert. Alcaraz’ Team arbeitet an einer etwas flacheren Schlagfläche, um das Risiko zu senken. Doch jede Millimeter-Korrektur kostet Spin, also Sicherheit gegen Power. „Ein Tanz auf dem Seil“, so Zimaglia. „Nur wer die Choreographie ändert, ohne die Show zu verlieren, überlebt.“

Die ball-industrie schläft

Die ball-industrie schläft

Ne parallel laufender Skandal: Die Bälle selbst. Zwischen Turnieren schwankt das Gewicht um bis zu 1,5 Gramm, der Filz verfilzt sich unterschiedlich schnell. Djokovic und Medvedev beschwerten sich 2023 offiziell – vergeblich. „Der Handgelenks-Muskel muss ständig neu kalibrieren, das ist, als würde man bei jedem Schritt andere Schuhgrößen tragen“, sagt Zimaglia. Die ATP diskutiert, doch Standards werden erst 2025 erwartet.

Alcaraz wird vorerst auf Sardinien statt auf Rasen trainieren – Aqua-Jogging, Reaktiv-Kraft, keine Racket-Pivot-Bewegungen. Sein Ziel: Cincinnati, US Open. Ob er dort wirklich aufschlägt, hängt davon ab, ob seine Sehnenscheide wieder Gleit-Fähigkeiten annimmt. Die Uhr tickt. Denn wer einmal die Tenosynovitis hatte, trägt ein Zeit-Bomb-Implantat.

Die Lektion: Schnelligkeit ohne Dämpfung frisst ihre Kinder. Alcaraz muss sich entscheiden – entweder er bremst seine Peitsche oder baut sich eine neue. Sonst wird das nächste Aufschlagen nur noch ein Klick im Handgelenk sein, gefolgt von einem langen, stillen Winter.