Alcaraz klagt nach knappem sieg: 'jeder gegner spielt wie federer'

Carlos Alcaraz schüttelt sich. 6:4, 7:5 gegen Arthur Rinderknech – auf dem Papier ein Routine-Auftrag. Doch der Weltranglistenerste musste in Indian Wells wieder einmal tiefer graben, als das Ranking vermuten lässt. «Manchmal habe ich das Gefühl, meine Kontrahenten würden gegen mich das Tennis ihrer Karriere zeigen», sagt er nach dem Match. «Als würde ich jede Woche gegen einen Roger-Federer-Clone antreten.»

Die wut des favoriten

Der Franzose startete wie ein Zyklon, nahm Alcaray im ersten Satz das Tempo, servierte 11 Asse und erzielte 25 Winners. Die Statistik lügt nicht: Rinderknech lag mit Break voran, ehe der Spanier bei 3:4 im zweiten Durchgang das Nadelöhr fand. «Wenn sie immer so spielen würden, stünden sie vor mir in der Liste», brummelt Alcaraz und wischt sich mit dem Handgelenk den Schweiß aus den Augen.

Die Zahlen bestätigen seine These. In den letzten 14 Matches – alle gewonnen – kassierte er durchschnittlich 1,4 Breaks pro Partie, fast doppelt so viel wie 2025 insgesamt. Der Gegner-First-Serve-Prozentwert schoss beim Spiel gegen ihn regelmäßig über die 70-Prozent-Marke, obwohl der Tour-Durchschnitt bei 61 liegt. «Das ist kein Zufall», sagt Alcaraz. «Das ist Druck, den nur die Nummer eins spürt.»

Target auf dem rücken

Target auf dem rücken

Die Pressekonferenz wird zur Gruppentherapie. Alcaraz lacht, aber es klingt metallisch. «Ich spüre das Ziel auf meinem Rücken. Jeder will den Helden spielen, der den König stürzt.» Dabei hat er in diesem Jahr noch kein einziges Mal in fünf Sätzen gewinnen müssen, dennoch: Die Gegner erreichen angeblich ihr Level erst, wenn sie ihm gegenüberstehen. «Das ist das Paradoxon des Spitzensports: Je besser du wirst, desto härter wird jeder Ball.»

Trainer Juan Carlos Ferrero nickt stumm. Er weiß: Diese Gedanken sind Teil der Evolution. «Carlos muss lernen, dass Spannung kein Bug, sondern ein Feature ist», sagt er später ins Ohr des Reporters. «Wenn du der Maßstab bist, musst du dich mit der Messlatte abfinden.»

Am Sonntag wartet bereits der nächste Power-Hitter: Holger Rune, 20 Jahre alt, 1,93 m, Return-Quote 34 %. Alcaraz spult seine Routine durch: Eisbad, Stretching, Analysevideo. «Ich kann nicht verhindern, dass sie aggressiv sind», sagt er. «Aber ich kann verhindern, dass sie frei atmen.»

Die Sonne über Indian Wells senkt sich, die Wüste glüht. Irgendwo im Stadion dudelt ein verlorenes Queen-»Under Pressure«. Alcaraz grinst kurz, dann verschwindet er in der Tunnel-Kulisse. 14:0-Saisonbilanz, aber die nächste Federer-Imitation wartet schon. Und er wird bereit sein – mit dem Target auf dem Rücken und dem Schläger in der Hand.