Aicher verliert die führung – und gewinnt die jägerrolle

Emma Aicher fuhr nur Zwölfte, Laura Pirovano jubelte auf dem Podest – und trotzdem ist die kleine Kristallkugel noch längst nicht verloren. 28 Punkte Rückstand vor dem Finale in Lillehammer bedeuten: Sie muss angreifen, darf nicht mehr verteidigen. Wolfgang Maier findet das ganz nach Plan.

Der Zwischensprint in Val di Fassa war ein Schlag ins Kontor, kein K.o. Aicher rutschte von Rang eins auf Rang zwei der Abfahrtswertung, weil Pirovano mit einem Heimsieg direkt vorbeizog. Doch wer jetzt denkt, der Deutsche Skiverband zittere, kennt Maier schlecht. „Wir haben Emma vor zwölf Monaten noch Speed-Punkte geliehen“, sagt der Sportvorstand. „Jetzt ist sie die Jägerin. Das ist kein Bug, das ist ein Feature.“

Der druck ist kein fremder, sondern ein sparringspartner

Der druck ist kein fremder, sondern ein sparringspartner

Die Zahlen sprechen für sich: 408 Punkte stehen auf ihrem Konto, 436 bei Pirovano. Theoretisch reicht Aicher ein Sieg, wenn die Italienerin dritter oder schlechter wird. Kira Weidle-Winkelmann und Cornelia Hütter sind bereits außer Reichweite. Maier schmunzelt: „Die Tabelle lügt nie, aber sie erzählt auch keine Horrorstory. Sie liefert ein Drehbuch für ein Finale, das Emma selbst schreiben kann.“

Er erinnert daran, dass die Speed-Queen des vergangenen Jahrzehnts, Lindsey Vonn, mit 28 Jahren ihre erste Abfahrtskugel holte. Aicher ist 22. „Wer sich über Tempo-Sportler beschweren will, sollte sich vorher die Geburtsdaten anschauen“, sagt Maier und schickt damit einen Seitenhieb an jene Experten, die nach jedem Rennen einen Trend erkennen wollen.

Die größte Gefahr sieht er nicht im Gletscherkorn von Lillehammer, sondern in der Erwartungshaltung, die außerhalb der Piste wächst. „Emma wird zur Kultfigur, das ist schön. Aber Kultfiguren tragen keine Last, sondern eine Ladehemmung ab“, sagt er. Gemeint ist: Je mehr Fans sie gewinnt, desto leichter wird ihr Auftrag. Sie muss nicht mehr beweisen, dass sie dazugehört – sie muss nur noch beweisen, dass sie die Schnellste ist.

Der Vorstand schwärmt von einer Athletin, „die Menschen berührt, die sonst nur am Sonntag vorbeischalten“. Ihre Direktheit, der bayerische Akzent, der Spruch „I mog liaba fahrn wie redn“ – das alles generiert Sympathiepunkte, die sich in Sekundenbruchteilen nicht Stoppen umrechnen lassen, aber in Energie schon.

Am 21. März geht’s in die finale Runne. Dann entscheidet sich, ob Pirovano die Kugel nach Italien lotsen oder Aicher sie nach Deutschland zurückholen kann. Maier wird an der Streckenseite stehen, mit einer Hand am Timing-Gerät, der anderen in der Jackentasche – und mit dem festen Vorsatz, keinerlei zusätzliche Sekunde Druck auf seine Läuferin zu erzeugen. „Wir haben nichts zu verlieren, nur eine Trophäe zu gewinnen“, sagt er. „Und Trophäen holt man sich am besten, wenn man dabei lächelt.“

Die Kristallkugel ist noch in Bewegung. Und Bewegung war schon immer Emma Aichers Natur.