Aicher rast im wm-sprint gegen die werbung – kristallkugel droht zu springen

Ein Stock kracht gegen die Bande, Emma Aicher donnert nur auf Rang zwölf – und die kleine Kristallkugel im Abfahrtsweltcup rutscht ihr fast aus der Hand. Mit 28 Punkten Rückstand auf Italiens Laura Pirovano geht Deutschlands Top-Downhillerin beim Finale in Kvitfjell am 21. März als Jägerin statt als Gejagte in den letzten Fight.

0,01 Sekunden – zweimal das todesurteil

0,01 Sekunden – zweimal das todesurteil

Freitag, Val di Fassa: Pirovano gewinnt vor Aicher. Samstag, Val di Fassa: Pirovano gewinnt wieder – diesmal vor Cornelia Hütter. Beide Male nur eine Hundertstel Sekunde Vorsprung, beide Male ein Schlag ins Kontor für die 23-jährige Oberbayerin. „Ein dummer Fehler“, sagt sie nach dem Rennen beim ZDF, während ihre Stöcke noch zitternd gegen die Seitenbande lehnen. Der Himmel strahlt azurblau, ihre Laune ist schwarz. Erstmals seit neun Abfahrten landet sie außerhalb der Top Ten – und das genau dann, wenn die Konkurrentin aus Italien ihre Bestmarke ausbaut.

DSV-Sportvorstand Wolfgang Maier versucht es mit Psychologie: „Die Kugel kann man nicht erzwingen.“ Dann liefert er den Satz, der in der Lagerhalle der deutschen Delegierten kursieren wird: „Jägerin sein hat Vorteile – du setzt die andere unter Druck.“ Fakt ist: Pirovano ist keine Seriensiegerin, aber gerade das macht sie unberechenbar. Aicher muss also angreifen, wo sie sonst verteidigt.

Hinter den Kulissen rechnet man gnadenlos. Pirovano führt mit 436 Punkten, Aicher folgt mit 408. Kira Weidle-Winkelmann (351) und Hütter (344) sind so gut wie raus. Für Olympia-Zweite Aicher bleibt nur die Vollattacke in Kvitfjell, wo die Strecke steiler, kälter und unversöhnlicher ist als jede italienische Piste.

Derweil schmilzt auch ihre Chance auf die große Kristallkugel. Im Gesamtweltcup holte sie zwar 22 Punkte auf Mikaela Shiffrin auf, liegt aber immer noch 117 Zähler zurück. Theoretisch möglich, praktisch fast unmöglich. Am Sonntag steht im Val di Fassa noch der vorletzte Super-G der Saison an – ein letzter Test für Nerven und Material vor dem Showdown im hohen Norden.

Die Saison ist nicht vorbei, aber die Luft wird dünner. Aicher weiß: Wer in Kvitfjell nicht alles riskiert, verliert alles. Die kleine Kugel ist noch greifbar – doch ihre Finger müssen sich fest um den Stahl des neuen Rennski schließen. Kein Stock wird dann mehr gegen die Bande fliegen, nur noch pure Geschwindigkeit zählt.