Aicher jagt shiffrin: 45 punkte trennen deutschland vom großen kugel-coup

Emma Aicher hat Mikaela Shiffrin im Visier. 45 Punkte. Mehr nicht. Die 22-jährige Schwäbin braust mit Vollgas auf die Kristallkugel zu, während die 109-malige Weltcup-Siegerin plötzlich die Bremse finden muss.

Von 470 zu 45: die rekord-jagd in zahlen

Anfang Januar war die Favoritin noch 470 Zähler weg. Dann kam der Slalom von Åre. Dann Kranjska Gora. Und plötzlich ist die Kugel greifbar. „Sieben von zehn Fingern“, rechnet Ex-Rennläufer Marco Büchel vor, „aber der Daumen zittert.“ Shiffrin braucht den Gesamtweltcup, um mit Annemarie Moser-Pröll gleichzuziehen. Aicher braucht ihn, um Geschichte zu schreiben. Zwei Rennen bleiben. Ein Slalom. Ein Riesenslalom. Das Finale in Saalbach-Hinterglemm wird zur Schicksalsarena.

Im Slalom gilt Shiffrin als Eisen. Acht von neun Siegen diese Saison sprechen eine klare Sprache. Doch die neunte ging an Camille Rast. Und genau dort, in der Slowenei, begann die Erzählung vom möglichen Jahrhundert-Coup. „Mikaela ist nervös“, sagt Büchel, „man spürt das bei ihrem Team.“ Die Statistik lügt selten, aber Nerven lügen nie.

Die deutsche seite schläft ruhig

Die deutsche seite schläft ruhig

Während im US-Camp die Stimmung kippt, herrscht im deutschen Lager Tiefenentspanntheit. „Emma will, muss aber nicht“, beschreibt Büchel ihre Mentalität. Die Black-Forest-Attitüde: Lächeln, fahren, abwarten. Genau das kann der Unterschied sein. Shiffrin trägt den Erwartungsdruck von Millionen Fans. Aicher trägt lediglich ihre Skistöcke. Und die wiegen weniger.

Maria Höfl-Riesch blickt von außen mit gespannter Neugier. „Der Gesamtweltcup ist das Nonplusultra“, sagt die letzte deutsche Gesamtsiegerin. „Wenn Emma das schafft, explodiert der Ski-Nachwuchs in Deutschland.“ Ein Sieg würde nicht nur die Kugel nach Stuttgart holen, sondern tausende Kinder auf die Pisten bringen. Der Schneeballeffekt, nur eben auf Schnee.

Die Rechnung ist denkbar simpel: Schlägt Aicher im Slalom zu und Shiffrin wird Dritte, schrumpft der Rückstand auf 15 Punkte. Dann würde ein Riesenslalom-Relegation reichen. Ein Sturz, ein Ausfall, ein kleiner Fehler – und plötzlich steht eine Deutsche ganz oben. Büchel atmet tief durch: „Die Entscheidung soll erst im letzten Rennen fallen.“

Die Uhr tickt. Die Kugel glüht. Und irgendwo zwischen Saalbach und Hinterglemm schwingt sich Emma Aicher in den Startkäfig, während Mikaela Shiffrin das erste Mal in dieser Saison die Zitterpartie spielt. 45 Punkte. Zwei Rennen. Eine Kristallkugel. Und eine Nation, die wieder an Wunder glaubt.