7,5-Millionen-mann sitzt beim vfb nur auf der bank – und fliegt zur wm nach nordamerika
Jeremy Arévalo ist der lebende Beweis, dass Spielzeit kein Maßstab mehr ist. 32 Minuten Bundesliga, vier Spiele in der 3. Liga – und trotzdem steht der 20-Jährige am 26. Juni im AT&T Stadium von Arlington, Texas, Ecuardo-Trikot über den Schultern, Deutschen entgegen. Die Frage, die sich seit gestern durchs Netz zieht: Warum?
Ein assist, ein koffer, ein ticket
Die Antwort heißt: Racing Santander. Dort riss Arévalo im Herbst die Segunda División mit fünf Toren und drei Vorlagen in drei Wochen auseinander, so sehr, dass der VfB die Ausstiegsklausel zog und 7,5 Millionen Euro auf den Tisch legte. Stuttgart sah einen Rohdiamanten, der sich in Spanien schon polierte. Ecuador sah einen Nervenkrieger, der sich nie versteckt – auch nicht, wenn er nur noch Zweitliga-Gegner pulverisiert.
Sebastian Beccacece, Ecuardos Trainer, liebt solche Typen. Er baute sein System auf Romario Ibarra und Enner Valencia, aber er weiß: Spätestens in der 70. Minute braucht er frische Beine, die noch genug Toberei im Tank haben. Arévalo bringt genau das mit – plus eine Prise Respektlosigkeit, die man in einem Turnier, das alle drei Tage auf Null zurücksetzt, gut gebrauchen kann.

Nübel, stiller, undav – alles bekannte vom training
Das Schicksal spielt mit: In Gruppe E trifft Ecuador auf Deutschland. Arévalo kennt vier von ihnen aus dem VfB-Alltag: Alexander Nübel im Tor, Angelo Stiller im Mittelfeld, Jamie Leweling am Flügel – und Deniz Undav, der hierzulande gerade seine Vertragsverlängerung feierte. „Ich weiß, wie er tritt, wenn er müde wird“, sagte Arévalo der ecuardorianischen Radiostation La Radio Redonda. „Ich weiß auch, dass er die linke Hand beim Abschluss ein bisschen senkt.“ Kleinigkeit, vielleicht entscheidend.
Dabei bleibt sein Stammplatz beim VfB Illusion. Mit Undav, Demirovic und Tiago Tomas haben die Schwaben drei WM-Stürmer vor ihm. Die Logik des Klubs: lieber in Stuttgart II treffen als in Bundesliga kurz einwechseln. Die Bilanz: vier Spiele, fünf Tore – drei davon an einem November-Nachmittag gegen Rot-Weiß Essen, als die Gästedefensive aussah, als hätte sie die Uhr vergessen.

Valencia, ibarra – und dann der 20-jährige vom neckar
In Ecuador spricht man nicht mehr von „vielleicht“, sondern von „wenn“. Wenn Valencia seine 37 Jahre merken lässt. Wenn Ibarra nach 60 Minuten abbremst. Dann kommt Jeremy Arévalo, 1,81 m, beidhänder Abschluss, Tempodribbling aus dem Stand. Ein Ass im Ärmel, das Beccacece nicht offenbaren will – aber auch nicht verstecken muss.
Am Ende zählt nicht, wie viele Minuten er in Stuttgart bekam. Es zählt, wie viele er in Arlington nutzt. Und die kann er in einem einzigen Sprint, einem einzigen Tor, einem einzigen Moment ändern. Die WM vergisst schnell, wer vorher saß. Sie erinnert sich nur, wer aufsteht.
